Patin ja, Kirche nein?

Es ist immer wieder ein Problem: Eltern wünschen sich für ihr Kind einen bestimmten Paten. Doch der oder die ist aus der Kirche ausgetreten. Wie viele deswegen vor der Taufe erst einmal in die Kirche eintreten müssen, darüber gibt es keine Zahlen. Aber lebende Beispiele.

 

Treue gilt auch ohne Kirchenmitgliedschaft. Foto:Wilhelmine-Wulff_pixelio

Carla Baum musste nicht lange überlegen, als ihre Schwester sie fragte, ob sie Taufpatin des kleinen Paul werden wolle. „Natürlich wollte ich seine Patin werden.“ Ins Grübeln kam die heute 41-Jährige erst einige Tage nach ihrem spontanen Ja. Denn ihrer Patenschaft stand etwas im Weg: die Tatsache nämlich, dass sie zu dieser Zeit keiner christlichen Kirche angehörte, eine solche Kirchenzugehörigkeit aber Voraussetzung dafür ist, Taufpatin sein zu können.

Warum die Regel plausibel ist

Wie viele potenzielle Patinnen und Paten deutschlandweit jedes Jahr vor diesem Problem stehen, darüber gibt es keine Zahlen. Sicher ist nur: Es sind gewiss Hunderte. Wie viele von ihnen sich dann entscheiden, in eine Kirche einzutreten, um doch die Patenschaft zu übernehmen – auch darüber lässt sich nur mutmaßen.
Thomas Wall, der beim Oberkirchenrat in Stuttgart unter anderem für Zahlen zuständig ist, erklärt gern, warum die geltende Regelung aus seiner Sicht „plausibel“ ist: „Wenn man selber mit der Kirche nichts zu tun haben will – und genau das ist es ja, was man mit einem Austritt bezeugt – dann ist es schwer, jemanden auf diesem Weg zu begleiten.“ Sprich: Wer auf sinnvolle Weise im kirchlichen Sinne Pate sein will, kann schlecht außerhalb der Kirche stehen.

Dass jemand extra in die Kirche eingetreten wäre, um Taufpatin oder Taufpate zu werden: An einen solchen Fall kann sich Karin Krause nicht erinnern. Die Pfarramtssekretärin der Ulmer Lukasgemeinde verzeichnet als typische Wiedereintritte „eher die älteren Herrschaften, die an ihre Beerdigung denken“. So wie in der Ulmer Lukasgemeinde ist es andernorts auch.

„Aus meiner pfarramtlichen Praxis heraus würde ich sagen, es kommt gelegentlich vor“, schätzt Frank Zeeb die Lage ein. Vor seiner Zeit als Referatsleiter Theologie und Gottesdienst beim Oberkirchenrat war er lange Jahre Gemeindepfarrer. Manche Menschen, so seine Erfahrung, finden im Zusammenhang mit dem Patenamt wieder eine Annäherung an ihre Kirche. „Die treten dann erfahrungsgemäß auch nicht wieder aus.“

Carla Baum (alle Namen der Familie geändert) ist eine dieser statistisch nicht erfassbaren Menschen, die in die Kirche eingetreten sind, um Pate zu werden. „Wie viel ist es mir wert, Pauls Patin zu sein?“, fragte sich vor sechs Jahren die ursprünglich katholisch getaufte Stuttgarterin, die „mit der katholischen Kirche schon lange abgeschlossen“ hat, wie sie sagt. „Evangelisch zu werden, war für mich der Kompromiss.“ Kompromiss deshalb, „weil ich die Institution Kirche für mein Leben nicht brauche“. Und weil ihr angesichts der „verkrusteten Strukturen“ der katholischen Kirche, angesichts deren Haltung zu Zölibat, Abtreibung und Homosexualität „die Haltung der evangelischen Kirche toleranter und sympathischer schien“.

Das Dokument war wichtig

Mittlerweile ist Carla Baum nicht mehr nur Patin ihres Neffen Paul (6), sondern auch ihrer Nichte Nora (4). Patin zu sein, das bedeutet für sie, „immer für die beiden da zu sein“. Das will sie, und das lebt sie. „Ich weiß nicht, ob es unser Verhältnis bedeutend verändert hätte, wenn ich nicht Taufpatin wäre“, sagt die 41-Jährige. Denn Tante ist sie ja ohnehin. Aber sie wollte es schwarz auf weiß haben, dass sie für die beiden Kinder Verantwortung hat. „Mir war wichtig, dass es ein Dokument gibt, auf dem es steht“, sagt Carla Baum.
Eine „rein emotionale Sache“ sei das für sie, eine Sache, „die für mich mit Kirche wenig zu tun hat“. Für die Tauffeier in der Kirche hat sie Fürbitten geschrieben und gesprochen. Gleich nach den beiden Taufen wieder auszutreten: So weit ist Carla Baum nicht gegangen. Aber Austritt „ist für mich immer wieder Thema“, bekennt sie. Wenn ihre Patenkinder konfirmiert oder volljährig sind, „werde ich ernsthaft überlegen, ob ich wieder austrete“, sagt sie aus heutiger Sicht.

Die Kirche, findet Carla Baum, hat viele Stärken, und gerade beim Thema Ein- und Austritt „verschenkt sie gute Gelegenheiten“: Die 41-Jährige kann sich noch gut daran erinnern, wie sie für die Taufe ihres Neffen eingetreten ist, und sie empfand es „bedauerlich, dass das so formal ist“: Niemand wollte wissen, ob sie an Gott glaubt, und auch sonst hat man sich nicht sonderlich für sie interessiert, war ihr Eindruck. „Ich habe nur gesagt: Ich werde Taufpatin.“ Das war alles.

Was sagt die Taufordnung über die Paten?

Im Auftrag der Gemeinde

Das Patenamt wird von der Kirchengemeinde verliehen. Foto: christine kükenshöner_pixelio

Das Patenamt „wird nicht von den Eltern verliehen, sondern von der Gemeinde“, betont Frank Zeeb vom Oberkirchenrat: In diesem Punkt irren sich viele. Auch darüber, wie lange man Pate ist, herrscht teilweise Verwirrung. Formal, unterscheidet Zeeb, erlischt das Patenamt nie: Es wird ja eingetragen ins Kirchenbuch. Die Funktion, die der Pate für das Kind übernimmt, wird hingegen „faktisch hinfällig mit der Konfirmation“, so Zeeb; aber „in vielen Fällen weiß man, dass die Paten auch danach noch eine besondere Bedeutung haben für das Kind“. Pate zu werden kann also zu einer vertieften persönlichen Beziehung beitragen.

Der Paragraf 10

Die Rolle der Taufpaten ist in Paragraf 10 der Taufordnung festgeschrieben. Dort heißt es, die Paten „treten nach alter kirchlicher Sitte als Zeugen der Taufe den Eltern zur Seite. Sie sollen das Ihre dazu beitragen, dem Kind zu helfen, bei Christus und seiner Gemeinde zu bleiben. Ihren Auftrag zu diesem Dienst erhalten die Paten von der Gemeinde.“

Die Taufpatinnen und -paten versprechen im Taufgottesdienst,  Mitverantwortung für die christliche Erziehung der Kinder zu tragen. In der evangelischen Kirche werden in der Regel mindestens zwei Paten bestellt, von denen mindestens einer Mitglied der evangelischen Kirche sein muss, auch die anderen müssen allerdings einer christlichen Kirche angehören.

Eine weitere Voraussetzung für das Patenamt ist die Konfirmation oder bei nicht evangelischen Paten die Religionsmündigkeit, also die Vollendung des 14. Lebensjahres. In der evangelischen Landeskirche in Württemberg können Patinnen und Paten auf eigenen Wunsch hin aus dem Patenamt entlassen werden; die Eltern des getauften Kindes hingegen können dem Paten die Patenschaft nicht aufkündigen. Wenn ein Pate die Voraussetzungen nicht mehr erfüllt, erlischt die Patenschaft: etwa wenn er aus der Kirche austritt. Dann kann aber nachträglich ein anderer Pate für das Kind ernannt werden.

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