Was ist eigentlich eine christliche Familie?

Woran ist eine christliche Familie eigentlich zu erkennen? Dass sie das Vaterunser betet? Dass sie in die Kirche geht oder ein Kreuz an der Wand hängt? Was eine Familie christlich macht, ist meist unsichtbar – aber dennoch spürbar.  


Der Blick in die Höhe zum Beispiel in einer Kirche ist oft erhebend. Der Blick in eine christliche Familie ist dagegen schlicht Alltag. Foto: Stefanie Bernecker - Pfinztal_pixelio.de

Wenn Bernhard Mutschler in einem einzigen Satz beantworten müsste, was eine christliche Familie ist, dann würde er es mal so versuchen: „Eine christliche Familie ist eine Familie, deren Kinder getauft sind und die aus der Geborgenheit in Gott lebt.“ Aber wenn er ehrlich ist, möchte der 46-Jährige die Frage aber lieber nicht in einem Satz beantworten. Denn dass es so eine einfache Antwort, eine klare Definition nicht gibt, das weiß Bernhard Mutschler aus zweifacher Erfahrung: als Familienvater und als Professor für Biblische Theologie an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, Spezialgebiet: Familie.

Also ein neuer Ansatz: Auf die Frage gebe es sehr verschiedene Antworten, „und letztlich kann sie jeder nur persönlich beantworten“, sagt Mutschler. Schon was eine Familie ist, definieren die Menschen höchst unterschiedlich – und wenn es ums Stichwort „christlich“ geht, wird es noch komplexer. Umso herausfordernder ist es, die Sache näher zu ergründen.

Geborgen sein

„Geborgenheit in Gott“ – das klingt nach einer großen warmen Hand, in die man sich einschmiegt und in der man aufgehoben ist. Für Bernhard Mutschler ist es eine Umschreibung für Glaube. Und Glaube kommt nicht aus dem Nichts. Man wird in ihn hineingeboren, sofern er innerhalb der Familie weitergegeben wird. Sofern er gelebt und praktiziert wird. Überall dort, wo die Lebenseinstellung auf einer Zuversicht gründet, die dem Glauben entspringt. „Wobei man das nicht glorifizieren darf“, sagt Bernhard Mutschler: „Glaube kann die Familie auch entzweien.“ Zur neuen Familie wird dann die Gemeinde. Die Parallelen sind dieselben: Gemeinschaft, Dienst, füreinander Einstehen, Zuverlässigkeit.

Familie ist ein Ort des Wandels, nichts bleibt jemals gleich, „Familie ist ein Kommen und Gehen“, formuliert es Bernhard Mutschler: Die Kinder kommen (manchmal zur Unzeit), die Eltern werden älter, müssen ins Pflegeheim gehen oder sterben viel zu früh, und das ist noch lange nicht alles. Wie mit alledem umgegangen wird, daran kann sich die christliche Familie zeigen: In ihr wird ständig geübt, „den Wandel doch lieber aus Gottes Hand zu nehmen, auch den Wandel innerhalb der Familie“, sagt Mutschler. Das gehört zu den inneren, unsichtbaren Dingen.

Von außen betrachtet, ist das Leben in einer christlichen Familie „nicht mehr so genormt wie früher“, hält der Theologe fest: In seiner Kindheit mussten früher jeden Morgen die Losungen gelesen und das Vaterunser gebetet werden. Das sei heute nicht mehr so.“ An die Stelle des Automatisierten tritt das Individuellere, jeder ist selbst gefordert zu entdecken und zu verantworten, welche Formen sein Glaube findet: Für Bernhard Mutschler mit seinen drei Söhnen ist das Gebet vor dem Schlafengehen unverzichtbar, auch in den Gottesdienst geht er mit ihnen sehr gern.

Damit Rituale weder verloren gehen noch zu leeren Hüllen werden, sondern lebendig bleiben, gilt es, „die Treue zu den Gelegenheiten zu bewahren“: So, wie man es im Alltäglichen auch mit vielem macht, so, wie für viele zum Morgen der Kaffee gehört. Posaunenchor, Kirchenchor, Kantorei sind Orte in der Kirchengemeinde, in denen die Mitglieder christlicher Familien ihren Glauben leben und ausdrücken können.

Offenheit und keine Sekte

Denn gerade ihre Offenheit ist ein entscheidendes Merkmal christlicher Familien. Offenheit in die Gemeinde hinein und Offenheit gegenüber der Gesellschaft. „Dass man sich nicht abschließt“, betont Bernhard Mutschler. „Gemeinschaften, die sich abschließen, sind keine christliche Familie mehr, eher eine Sekte.“

In einer christlichen Familie kommt zum Tragen, was Paulus aufzählt: „Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Weil die Liebe diejenige ist, die auch dann noch wirken kann, wenn die beiden anderen schwach werden, sagt Bernhard Mutschler: „Manchmal gibt es nichts mehr zu hoffen, und wer glaubt, kennt auch den Zweifel – aber die Liebe kann bleiben.“

Die Liebe ist die, die in der Familie noch etwas riskieren kann, wenn Glaube und Hoffnung schon aufgebraucht sind. Mutschler: „Es gibt doch die Eltern so genannter missratener Kinder, die ihren Kindern trotzdem noch Geld zustecken – das ist die Liebe.“

Das kann zu einer Gratwanderung werden, denn „Kennzeichen einer christlichen Familie ist natürlich nicht, dass Menschen ausgenutzt werden“, betont Bernhard Mutschler. Aber der Einzelne kann, von Liebe geleitet, durchaus zu einer Haltung gelangen, in der er sich bewusst ist: „Vielleicht werde ich sogar ausgenutzt, aber ich mache es trotzdem.“ Dieses Risiko einzugehen, gehört zur christlichen Lebenszuversicht.

Überhaupt ist diese Zuversicht etwas, was man christlichen Familien manchmal sehr deutlich anspüren kann. Da ist eine Freude, Heiterkeit, Gelassenheit, eine gewisse innere Gefasstheit, die dem Glauben entspringt und den Menschen frei und leicht macht: „Zu wissen, es hängt nicht alles am heutigen Tag, es hängt nicht alles an mir“, fasst Bernhard Mutschler zusammen, „zu wissen: Wir sind letztlich alle in Gottes Hand.“ Mit dieser Gelassenheit gelangt man auch durch die Situationen, in denen man sich in der Kindererziehung uneinig ist, mit diesem Vertrauen gelingt es wieder und wieder, über die Schwierigkeiten des Augenblicks hinauszusehen.

Würde man Jugendliche danach fragen, was sie sich unter einer christlichen Familie vorstellen, „dann sagen sie vielleicht: Mief, Unterdrückung und Verbot“, vermutet Bernhard Mutschler, „und das kann bestimmt so erlebt werden“. Tatsächlich aber ist eine christliche Familie im besten Sinne das Gegenteil: ein sozialer Verband, eine Lebensgemeinschaft, die den Raum dafür bietet, dass der Einzelne sich entfalten kann. „Dass jeder sich seiner schöpferischen Bestimmung gemäß entfalten kann, ist Aufgabe einer Familie“, sagt Bernhard Mutschler.

Anders gesagt: Noch viel spannender, als den komplizierten Begriff „christliche Familie“ zu definieren, ist es, tagtäglich als christliche Familie das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen anzunehmen und zu gestalten.

 

 

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