Aller guten Dinge sind 3

„Kluges Köpfchen“ – so loben Erwachsene kleine Kinder. Klugsein, das ist eben etwas Erstrebenswertes. Und in der Regel ist in Verbindung mit Klugheit auch das Thema Schule berührt. „Damit wir klug werden“, gehen wir auf die Schule, könnte man das Kirchentagsmotto ergänzen. Stimmt‘s?

Gute Bildung ist auch eine Sache des Herzens und der Schulfreundschaften. Foto: Dieter-Schütz_pixelio

Die Frage ist schon berechtigt: Macht Schule wirklich klug? Wer darauf eine Antwort sucht, muss erst mal klären, was Klugheit eigentlich bedeutet. Der Direktorin der Evangelischen Schule Berlin, Margret Rasfeld, kommen dabei drei Stichworte in den Kopf: Sie verbindet es mit Klugheit, wenn ein Mensch über intelligentes Wissen verfügt, im Herzen gebildet ist und Verantwortung übernehmen kann. Denn nur so können Kinder in der künftigen Welt bestehen, die ihnen abverlangt, Wissen immer neu abzurufen, Ziele zu setzen und umzusetzen, quer zu denken und etwas Neues in die Welt zu setzen. Die Schule alten Musters führt da nicht zum Ziel. Denn all das Wissen, das für Schularbeiten gelernt wird, fällt meist dem Vergessen anheim. Und weg ist es. Also: Intelligenz, Herzensbildung und Verantwortung. Was steckt jeweils dahinter?

Eins: Intelligentes Wissen


Intelligenz ist für Margret Rasfeld die Fähigkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden und keine vorgefertigten Wahrheiten zu übernehmen; die Fähigkeit zu denken, in Dialog zu treten und Wissen zu vernetzen.

Zwei: Herzensbildung


Herzensbildung entsteht, wenn sich Kinder für etwas einsetzen, für andere da sind, sie dabei „im Innersten berührt werden und spüren: das ist Glück“, sagt Rasfeld. Sich selbst erleben und Sinn erleben! Aber genau das braucht Zeit. Aber weil der heimliche Lehrplan der Schulen meist lautet: „Kind mit Wissen vollstopfen, sieht es in dieser Hinsicht oft schlecht aus, findet Margret Rasfeld.

Drei: Verantwortung


Und weil die Herzensbildung meist mit dem Thema Verantwortung zusammenhängt, gibt es in ihrer Schule das Fach „Verantwortung“. Jede Woche haben dann Schüler Zeit, sich eine verantwortungsvolle Aufgabe zu suchen. Einer ihrer Schüler mit der Diagnose Asperger Autismus zum Beispiel betreut eine Frau im Altenheim. Und weil er so gut Klavier spielt, spielt er dieser Frau oft etwas vor. Irgendwann stellte sich heraus, dass die an Demenz leidende Frau tatsächlich früher selbst Klavier gespielt hatte, und der Junge dies irgendwie geahnt hat. „Das sind magische Momente“, freut sich Margret Rasfeld, von denen sie viele erzählen könnte. Es sind die Momente, die von der Verantwortung zur Herzensbildung und von da zu intelligentem Wissen führen.

Frei-Räume und Frei-Zeit


Dass dieses neue Lernen kein Selbstläufer ist, darüber ist sich die Schulleiterin sehr wohl im Klaren. „Selbstorganisiertes Lernen fällt nicht vom Himmel“, betont sie. „Es muss begleitet werden und lebt von der Vorbereitung und der Haltung des Lehrers.“ Und sie fügt hinzu: „Außerdem braucht es Zeit.“ Wenn also eine Schule gerade mal fünf Stunden in der Woche Freiarbeit einführt und ansonsten alles beim Alten lässt, dann sind die Schüler nur allein gelassen.

„Es ist ein Strukturwandel nötig“, fordert Margret Rasfeld, die daher mit dem Hirnforscher Gerald Hüther und dem Rechtswissenschaftler Stephan Breidenbach die Initiative "Schule im Aufbruch" gegründet hat. Die Freiheit im Lernen muss durch Unterstützung flankiert werden, sonst gebe man die Schüler der Beliebigkeit preis. Ausbaden müssen das dann die Eltern. Und ohne diese und die Nachhilfe-Institute wäre daher das System Schule sowieso schon längst zusammengebrochen, lautet die Diagnose der Pädagogin.

Kluge Schulen


Margret Rasfeld ist überzeugt, dass Schule heute schon im bestehenden Bildungssystem und seinen Bildungsplänen kluge Schulen sein könnten. Sie müssten nur den Schwerpunkt vom Stoff auf die Beziehungsqualität verlagern. Und zwar auf die Beziehungen der Schüler untereinander, nach außen zu den Lehrern, auf die Beziehungsqualität der Lehrer untereinander und zu den Eltern und auch auf deren Beziehungen zur Schule. „Die Lehrer müssen mehr Zeit mit den einzelnen Schülern verbringen können, damit sich eine Beziehung ausbilden kann“, sagt die Lehrerin.

Stoff abarbeiten: ein schlimmer Ausdruck, findet Rasfeld. Projekte, Verantwortung im Leben, interdisziplinäres Lernen: All das werde nur möglich, wenn Lehrer eine neue Rolle einnähmen. Und zwar jetzt. „Noch zwanzig Jahre zu warten, bis sich die Lehrerausbildung ändert, das geht nicht“, sagt Rasfeld. Sie setzt auf die Herzensenergie der Zivilgesellschaft.

Wenn Schulen sich diese neuen Ziele setzten, ihre Lehrer-Kollegien mitreißen und Schüler so begeistert werden, dann gehe etwas voran im Hinblick auf die kluge Schule.  Sie weiß auch, dass manche Lehrer sich allein gelassen fühlen im Schulsystem mit seinem Leistungs- und Notenddruck. Wenn ein Schulleiter es daher schaffe, Fehlerangst und Hierarchieangst bei den Lehrern abzubauen, dann wachse Vertrauen und es komme Bewegung in die Schule, hat Rasfeld erlebt. Und so könnte Schule klug machen.

Zur Person

Margret Rasfeld ist seit 37 Jahren im Schuldienst und leitet seit 2007 die Evangelische Schule Berlin Zentrum. In der Gemeinschaftsschule gibt es Fächer, die Verantwortung und Herausforderung heißen. Für ihr Engagement wurde die Pädagogin 2013 mit dem Querdenker Award ausgezeichnet.

Die Tür zur Schule im Aufbruch:

www.schule-im-aufbruch.de/

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