Alles ging ratzfatz

Was macht das Besondere eines Gap Years aus? Die 20-jährige Marie (Namen geändert) spricht mit uns über Höhen und Tiefen ihres Einsatzes in Polen, über Erfahrungen und ihren ganz persönlichen Mehrwert. Wir treffen die Studentin an ihrem Universitätsort in Freiburg.

Wenn die große Freiheit winkt ... Foto: TiM-Caspary_pixelio.de

Warschau, Mitte März vor zwei Jahren. Ankunft Flughafen Frederic Chopin. Alles, was Marie dabei hat, passt ins Fluggepäck. Beginn eines sechsmonatigen Wagnisses. Einsatzort: das 6. Lyzeum/23. Gimnazium in Radom. Endlich entdeckt sie in der Ankunftshalle die Lehrerin, die sie in den nächsten Monaten begleiten und betreuen wird. Als sie sich auf der Autobahn nach Radom befinden, steigt bei Marie die Zuversicht.

Familienzeit: Wie haben Sie sich nach der Ankunft in Warschau gefühlt?

Marie: Schon ein bisschen mulmig. Denn ich wusste ja gar nicht, ob ich mit den Leuten an der Schule zurechtkomme, wo ich wohne, wie mir die Stadt gefällt.

Familienzeit: Doch dann …

Marie: Ging alles ratzfatz. Nicht nur die Lehrkräfte an der Schule und die Schüler, auch meine Vermieterin, eine ältere alleinstehende Dame, haben mich so nett und herzlich aufgenommen.

Familienzeit: Das ist gegenüber jemandem aus Deutschland ja nicht unbedingt zu erwarten gewesen.

Marie: Stimmt. Wenn man sich ein bisschen mit der deutsch-polnischen Geschichte zwischen 1939 und 1945 befasst, überkommt einen schon ein Gefühl der Beklemmung und der Bedrückung. Zumal der Distrikt Radom einer der vier Distrikte des „Generalgouvernements“ war, die vom nationalsozialistischen Regime im Oktober 1939 für besetzten polnischen Gebiete errichtet wurden. Auch die Stadt Radom selber hatte einen hohen Anteil jüdischer Bevölkerung. Eine rücksichtslose Terror- und Vernichtungspolitik kostete die meisten jüdischen Bewohner das Leben.

Familienzeit: Das heißt, Sie haben während der sechs Monate keinerlei antideutsche Ressentiments gespürt?

Marie: Keine, nein.

Familienzeit: War die Verständigung im Alltag ein Problem?

Marie: Na ja, meine ersten Einkaufsversuche in Radom waren ein Fiasko. Denn dort spricht im öffentlichen Leben kaum jemand Englisch. So bin ich in der ersten Zeit auf Supermärkte ausgewichen, wo mir an der Kasse der zu zahlende Betrag digital angezeigt wurde. Aber es wurde dann schnell besser. Da ich Einzelunterricht in Polnisch bei einer Universitätsprofessorin hatte, konnte ich doch recht rasch zumindest das Allernotwendigste auf Polnisch verstehen und auch sagen. Gab es jetzt ein Problem in meiner Wohnung mit meinem Gasherd oder mit dem Warmwasser, konnte ich mich mit meiner Vermieterin verständigen. Zuvor war dies nur mit Händen und Füßen möglich.

Familienzeit: Haben Sie sich manchmal nicht auch allein gefühlt? Was haben Sie zum Beispiel an den arbeitsfreien Wochenenden gemacht?

Marie: Ich war kaum in Radom angekommen, da haben mich meine Mutter und mein kleiner Bruder über die Osterfeiertage besucht. Das hat natürlich schon geholfen, obwohl ich vermute, dass meine Mutter sich primär vergewissern wollte, dass ich es gut in Radom angetroffen hatte. Aber so sind sie halt, die Mütter … Und außerdem habe ich im Vorbereitungsseminar alle diejenigen kennengelernt, die zeitgleich mit mir in andere polnische Städte entsandt wurden. Über Whatsapp waren wir von Anfang an in Kontakt, so dass ich an meinen freien Wochenenden nach Krakau oder Warschau gefahren bin, um die Mädels dort zu besuchen.

Familienzeit: War die Erfahrungen bei allen Freiwilligen so positiv? Oder haben Sie auch andere Geschichten gehört?

Marie: Die meisten Freiwilligen, mit denen ich mehr zu tun hatte, sind wirklich gerne an ihrer Einsatzstelle gewesen und würden sich wohl jederzeit gerne wieder auf ein solches Abenteuer einlassen. Bei manchen ist an der Einsatzstelle nicht alles optimal verlaufen, jedoch wurde der Auslandsaufenthalt auch in solchen Fällen insgesamt als positive Erfahrung beurteilt. Ich weiß zum Beispiel von keiner einzigen Person, die ihren Freiwilligendienst abgebrochen hat.

Familienzeit:  „kulturweit“ ist wie alle anderen Freiwilligendienste ein Angebot für junge Leute ab 18 Jahren. Auch Sie waren volljährig, als Sie nach Polen gingen. Dennoch machen sich Eltern Sorgen. Haben Sie dafür Verständnis?

Marie: Verständnis schon, aber nicht unbegrenzt. Dass zum Beispiel meine Mutter richtig nervös wurde, als sie erfuhr, dass ich mit zwei Freundinnen von Krakau nach Lemberg in die Ukraine fahre, habe ich nie verstanden. Eltern machen sich ohnehin immer viel zu viele Sorgen. Außerdem haben sie, glaube ich, ein Problem damit, gewissermaßen ohnmächtig zu sein und nicht eingreifen zu können. Vielleicht können viele Eltern auch nicht loslassen. Dafür ist ein Gap Year des Kindes im Ausland eine gute Übung.

Familienzeit: Gibt es ein Erlebnis in Polen, das Ihnen ganz besonders im Gedächtnis haften geblieben ist?

Marie: Daran musste erst neulich wieder denken. Vor zwei Jahren habe ich am israelischen Holocaust-Gedenktag die Gedenkstätte von Majdanek und Treblinka besucht. Ich bin mir sicher, dass ich an diesem Tag die einzige Deutsche dort war. Die vielen, zumeist jungen Juden dort zu erleben, wie sie still, aber auch laut weinend der Opfer des Holocaust gedachten, hat mich tief berührt und aufgewühlt. In diesem Moment habe ich mich auch als „Botschafterin“ gefühlt, aber in dem Sinne, dass mir die Verantwortung auch meiner Generation für die unbeschreiblichen Nazi-Verbrechen unmittelbar bewusst wurde. Ich habe mich geschämt. Und war im selben Moment froh, in diesem Land als Freiwillige ein anderes Bild von Deutschland vermitteln zu können. Ein anderer denkwürdiger Moment war eine Einladung zum Mittagessen bei meiner polnischen Vermieterin, Sie hatte außer mir noch einen älteren Herrn eingeladen. Nach dem Essen gab es eine Runde Wodka nach der anderen. Wie selbstverständlich ging die Gastgeberin davon aus, dass ich da mithalten würde.
















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