Beziehung kommt vor Erziehung

Dienstagmorgen in einer Stuttgarter Kita. 11 Uhr. Ein sonniger, warmer Sommertag. Im Außenbereich wuseln die unter Dreijährigen. Bekleidet nur mit einer Windel, T-Shirt und Sonnenhut. Zwei probieren sich an der Mini-Rutsche aus, ein Mädchen kuschelt auf dem Schoß ihrer Erzieherin, der Großteil der Kinder beschäftigt sich im Sand bzw. Sandmatsche. Alltag in der Kinderkrippe

Alle schließen eine Beziehungspartnerschaft: Kinder, Erzieherinnen und Eltern. Foto: Rudolpho-Duba_pixelio.de

Maximal zehn Kinder werden in dieser U3-Gruppe betreut, die meisten werden morgens zwischen 8:30 und 9 Uhr gebracht und bleiben bis 16 Uhr. „Wir sind zu dritt in dieser Gruppe“, erzählt die Erzieherin Angelina Beck (Namen geändert), „ zwei 100 Prozent-Kräfte und eine 60-Prozent-Kraft“.   Das hört sich zunächst einmal gut an, wird doch für die  frühkindliche Phase ein Betreuer-Kinder-Schlüssel von 1:3 als optimal angesehen. In der Praxis, so Angelina Beck, sehe dies oft anders aus. Durch Fortbildungen, Urlaub,  Erkrankungen oder interne Vertretungsanfragen seien  sie häufig nur zu zweit in der Gruppe. 

Dass kleine Kinder neben der Bindung an die Eltern (in der Regel an die Mutter) weitere enge Bindungen auch an die Erzieherinnen einer Krippe aufbauen können, davon ist Angelina Beck, die seit über zehn Jahren ausschließlich im frühkindlichen Bereich arbeitet, überzeugt. Sie sieht es ja jeden Tag. Nicht selten komme es vor,  dass sich die Kleinen ihre Bezugsperson selber aussuchten, erzählt sie.  Das müsse man sich so vorstellen: Im Raum befinden sich die U3-Erzieherinnen, die Mutter und das neue Kind. Da das Kind als Angelina Becks Eingewöhnungskind vorgesehen ist, ist sie es, die sich mit der Mutter unterhält, während das Kind auf dem Boden sitzt und spielt oder herumkrabbelt. Verstohlen beobachtet Beck aus den Augenwinkeln heraus, was „ihr“ Kind macht.

Nimmt das Kind spontan Kontakt mit einer anderen Erzieherin auf, wird es in der Regel auch dieser zugeteilt. Man muss schon genau hinschauen, so Beck, denn die Kontaktaufnahme geschehe häufig nur mit Blicken. Doch ist dieser frei vom Kind gewählte Blickkontakt zur neuen Bezugsperson ganz wichtig. Er wird von den Erzieherinnen respektiert und ist – so Becks langjährige Erfahrung – auch erfolgreich. Das Kind sucht sich hier seine Bezugsperson aus – und nicht umgekehrt und wirft alle Planungen im Vorfeld über den Haufen. 

So hat jede Erzieherin ihre Eingewöhnungskinder, die, ist die erste Phase  der intensiven Betreuung vorüber, zu ihren Bezugskindern werden und dies auch bleiben. Dass die Gruppe klein ist und die Betreuungsperson  nicht mehrfach wechselt, ist gerade in den ersten zwei Lebensjahren für die Entwicklung einer stabilen Bindungsfähigkeit eminent wichtig. Kleine Gruppen für Krabbelkinder, lautet daher die wichtigste Forderung der Bindungsforschung. 

Voraussetzung: Stabile Elternbeziehung

Die Bindung zur Mutter (oder zu einer anderen Hauptbezugsperson, die auch der Vater sein kann) gilt als Maßstab für das spätere Selbstvertrauen und die Fähigkeit, gelungene Beziehungen im Leben einzugehen.  Die Hauptaussage einer  großangelegten und repräsentativen Studie in den USA, die 1400 Kinder von der Geburt bis zur Pubertät untersuchte und nicht nur die Mütter, sondern auch die anderen Betreuungspersonen befragte, lautet: Wie die primäre Bezugsperson mit dem Kind umgeht, ist das Hauptkriterium für sein Wohlergehen.

Das heißt, die Grundlage für eine stabile Eltern-Kind-Bindung wird im ersten Lebensjahr durch eine sensible und aufmerksame Mutter/Vater-Kind-Beziehung gelegt. Anschließend ist sie durch Betreuungseinfluss von Dritten  kaum mehr zu verändern – auch nicht durch eine Krippenunterbringung.  Dass die Mutter (oder der Vater oder manchmal auch die Großeltern) die Bezugsperson Nummer Eins für das Kind sind und es auch bleiben (müssen), sagt auch Angelina Beck. Sie als Erzieherin sehe sich als Ergänzung, aber niemals als Konkurrenz.
Und noch etwas hat sie in ihrer langjährigen Praxis gelernt. Wenn sich die Mutter in der Kita wohlfühlt, dann überträgt sich dieses Gefühl auf das Kind. Hat die Mutter das Gefühl, dass die Qualität der Betreuung und die persönliche Chemie zur Betreuerin stimmen, dann funktioniere das auch mit dem Kind. Was für die Eltern gilt, gilt auch für die Erzieherinnen. Je feinfühliger beide Bezugspersonen sind, desto vorteilhafter ist es für den Aufbau einer stabilen Bindung.

Auf die Kontaktaufnahme kommt es an. Foto: Helene-Souza_pixelio.de

Eltern und Erzieherinnen schließen in der Tat bei den Allerkleinsten eine „Beziehungspartnerschaft“.  Die meisten Kinder der Gruppe von Angelina Beck kommen im Alter von 10 bis 11 Monaten, obwohl theoretisch eine Betreuung ab einem Alter von 8 Wochen möglich wäre. Die Kinder bleiben, bis sie drei Jahre alt sind, und wechseln dann in der Regel in derselben Einrichtung zu den Großen, die ihre Räume im ersten Stock haben. So muss kein Kind nochmals die Einrichtung wechseln, das Thema Eingewöhnung ist ebenfalls abgehakt, und auch die Eltern sind bei einem Wechsel ihres Kindes zu den Kindergartenkindern bereits mit den Mitarbeitern und den Verhältnissen vertraut. 

Kinder, so erzählt Beck, entwickelten sich überall da gut, wo sie sich wohl und willkommen fühlen, wo sie eine Bindung zu einer Bezugsperson aufbauen können und sich geborgen fühlen.  Im frühkindlichen Bereich geht daher immer Beziehung vor Erziehung. 

Kuscheln ist wichtig. Foto: I.-Rasche_pixelio.de

Der Tagesablauf ist für Angelina Beck und ihre Bezugskinder gut strukturiert. Sind die Kinder morgens angekommen, muss mit manchen erst gekuschelt werden, andere wollen sofort spielen, beim nächsten muss die Windel gewechselt werden. Gegen 9 Uhr gibt es ein gemeinsames Frühstück, um 12 Uhr Mittagessen. Dazwischen ist Zeit fürs Spielen und für spezielle Angebote. Und danach kommt die kollektive Ruhephase. Ein eigener Schlafraum, kühl und abgedunkelt, mit zehn kleinen Matratzen auf dem Boden. Auch hier hat jedes Kind seinen definierten Schlafplatz, auf dem die individuellen Einschlafutensilien liegen: Kuscheltiere und Schmusetuch.  Man mag es kaum glauben, aber die zehn-köpfige Rasselbande schläft jeden Tag. Manche Kinder bis halb vier.  „Und wenn um 16 Uhr die Mama zum Abholen kommt, dann bin ich vergessen, dann gibt es nur noch Mama“, sagt Angelina Beck, „und das ist auch gut so“. 

Sie weiß, dass dies ein sichtbares Zeichen für eine von den Psychologen sogenannte „sichere“ Bindung zwischen Mutter und Kind ist. Würde das Kind auf die Rückkehr der Hauptbezugsperson hingegen mit Abwehr, Gleichgültigkeit oder Wut reagieren, bestünde Anlass zur Sorge. Psychologen werten eine solche frühkindliche Reaktion als Hinweis auf eine „unsichere“ Bindung. 


Nützliche Links:

Ergebnisse  der US-Studie des National Institute of Child Health and Human Development unter: www.kindergartenpaedagogik.de/1602.html


Interview (2010) mit der Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert unter: www.spiegel.de/spiegel/print/d-69407397.html

Buchtipp

Jörg Maywald/Bernhard Schön (Hrsg.): Krippen. Wie frühe Bindung gelingt. Fundierter Rat zu einem umstrittenen Thema, Beltz-Verlag Weinheim und Basel 2008

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