Gestern Großeltern - heute Krippe

Die Betreuung von unter Dreijährigen wird heiß diskutiert. Was ist das Beste für mein Kind: eine Krippe, die Tagesmutter – oder doch die Betreuung zu Hause? Als die Journalistin Ingrid Kahlig vor 17 Jahren ihre damals zweijährige Tochter in die Krippe brachte, hatte sie keine Zweifel. Und machte gute Erfahrungen. Alexandra Wolters ließ sich ihre Geschichte erzählen

Krippenzeit ist auch Freundschafts-Zeit. Foto: S.v.Gehren_pixelio.de

Frau Kahlig, 1998 haben Sie Ihre Tochter im Alter von zwei Jahren in eine Krippe gegeben. Was waren ihre Beweggründe?
Ingrid Kahlig: Da gab es gleich mehrere: zum einen war ich alleinerziehend und der Vater nicht präsent. Ich war mit Phyllis quasi alleine. Meine Mutter starb, als meine Tochter ein halbes Jahr alt war, ich war ihre einzige Bezugsperson. Das fand ich schade und für vor allem für ein Einzelkind nicht ausreichend. Ich wollte, dass Phyllis auch mit anderen Kindern aufwuchs.
Zum anderen wollte ich wieder als freiberufliche Journalistin arbeiten. Dabei ging es mir gar nicht ums Geld. Ich merkte nur, als Phyllis etwa anderthalb Jahre alt war, dass ich wieder etwas für mich und meinen Kopf tun wollte. Ich war und bin auch immer noch der Überzeugung, dass ein Kind vor allem dann zufrieden und glücklich ist, wenn es seine Eltern auch sind.

Wie sah die Betreuung ihrer Tochter damals aus?
Ingrid Kahlig: Zunächst habe ich eine Tagesmutter gefunden, eine ganz tolle und liebevolle Frau, die für meine anderthalbjährige Tochter ganz schnell zur Bezugsperson wurde. Sie strahlte die nötige Ruhe aus, die ich damals nicht immer aufbringen konnte. Gleichzeitig habe ich mich nach einer passenden Krippe für Phyllis umgeschaut. Damals gab es nur wenige Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren – und die Wartelisten waren lang.
Zum Glück bekamen wir einen Platz bei den Schmetterlingen in Herrenberg, einer Krippe für maximal zwölf Kinder, die von vier Erzieherinnen zwischen 7.30 Uhr und 13.30 unheimlich kompetent und liebevoll betreut wurden.

Was waren aus ihrer Sicht die Vorteile der Krippe für ihre Tochter?
Ingrid Kahlig: Zum einen kam Phyllis bei den Schmetterlingen mit gleichaltrigen Kindern in Kontakt. Schnell wurde sie selbstständiger und kommunikativer. Ich hatte immer das Gefühl, dass sie viel Spaß hatte. Zudem kam der geregelte Tagesablauf bei Phyllis gut an: Morgenkreis, Lieder singen, raus gehen, spielen, gemeinsames Essen und Mittagsschlaf. Ich denke, dass so eine Strukturierung für viele Kinder wichtig ist, die Familien das aber nicht immer zu Hause leisten können. Da ist man als Mutter oft viel zu beschäftigt: der Haushalt muss erledigt werden, dann klingelt das Telefon oder man muss einkaufen.

Singen, spielen, malen, Geschichten hören - das tut Kindern gut. Foto: Helene-Souza_pixelio.de

Ganz besonders profitiert haben wir von der fachlichen Kompetenz der Krippenleiterin. Sie hat schnell erkannt, das Phyllis Probleme mit der sensorischen Integration hatte: Sie konnte manche Aufgaben, wie zum Beispiel „Hol bitte das rote Auto aus dem Regal“, nicht oder nur teilweise verstehen und vor allem nicht ausführen, sich also nicht entsprechend in Bewegung setzen. Mit Hilfe einer Ergotherapie besserte sich das aber schnell.

Vor 17 Jahren war es ja absolut nicht üblich, Kinder unter drei Jahren in eine Betreuung zu geben. Wie hat ihr Umfeld damals reagiert?
Ingrid Kahlig: Zum Glück gab es da gar keine Diskussionen oder negative Äußerungen. Denn sowohl in meinem Freundes- als auch Arbeitskreis haben schon damals viele Eltern ihre Kinder früh betreuen lassen. In unserer Gemeinde war das ein bisschen anders, da lebten viele Familien mit „normalen Strukturen“, die uns nicht wirklich kannten. Ich glaube, da haben uns einige für Exoten gehalten. Aber echte Ressentiments habe ich nicht gespürt. Es haben ja auch alle gesehen, dass es Phyllis gut ging.

Sie haben Ihre Entscheidung nie bereut und sind heute noch sehr dankbar die Zeit in der Krippe. Was war Ihr Erfolgsrezept als Mutter?
Ingrid Kahlig: Ich glaube, ganz wichtig und entscheidend war, dass ich ihre erste Bezugsperson geblieben bin und unsere Bindung nicht gelitten hat. Ich hatte ja auch noch genügend Zeit mir ihr, die Krippe war um halb zwei zu Ende, den Rest des Tages, die Wochenenden und Ferien haben wir ganz intensiv miteinander verbracht. Auf der anderen Seite ist es wichtig, loslassen und sein Kind eine eigene Welt aufbauen lassen zu können. Ich bin selbst als Tochter einer überhütenden Mutter aufgewachsen, heute nennt man das Helicopter-Eltern. Daher weiß ich, dass eine gesunde Distanz und ein Eigenleben für Kinder in ihrer emotionalen und kognitiven Entwicklung auch förderlich sein können.

Geborgenheit ist wichtig. Foto: I.-Rasche_pixelio.de

In Großfamilien war es früher ganz üblich, dass Großeltern, Tanten und Onkel selbstverständlich miterzogen und Ratschläge gegeben haben. Und viel mehr Kinder gab es damals meist auch unter einem Dach. Heute muss man sich die Vorteile dieser Zeit vielleicht woanders suchen.

Welche Entwicklungen hat Ihre Tochter aus der Krippe mitgenommen?
Ingrid Kahlig: Phyllis ist ziemlich schnell selbstständig, weniger ängstlich, sozial aktiv und kompetent geworden. Ich denke, eine gute Krippe stellt die Weichen für die Zukunft. Meine Tochter ist heute mit ihren 19 Jahren auf jeden Fall viel stärker und selbstbewusster, als ich es in dem Alter war.

Welche Tipps haben Sie für Eltern auf der Suche nach der richtigen Krippe?
Ingrid Kahlig: Aus meiner Erfahrung ist der Betreuungsschlüssel ganz wichtig. Damals kamen bei den Schmetterlingen vier Erzieherinnen auf zwölf Kinder. Das war optimal, ist aber heute kaum noch zu finden. Außerdem sollte man andere Eltern nach ihren Erfahrungen mit der Einrichtung fragen. Ein Austausch auch zu anderen Eltern-Themen ist meiner Meinung nach ohnehin wichtig, um nicht „betriebsblind“ für das eigene Kind zu werden. Und dann ist der eigene Eindruck wichtig: Wie sieht der Tagesablauf der Krippe aus, gibt es in der Einrichtung die Möglichkeit, draußen zu spielen oder hat die Krippe einen Raum zum Toben. Dabei spielen die individuellen Vorlieben und Abneigungen des Kindes natürlich auch eine wichtige Rolle.
Einen allgemeinen Tipp habe ich noch: Die Betreuungseinrichtungen und die Pädagogik unterstützt die Erziehung in den Familien, ersetzt sie aber nicht.

"Wir werden das Kind schon schaukeln": Alleinerziehende brauchen Mut. Foto: sillilein74_pixelio.de

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