Mut zur Lücke

Nach dem Abi erstmal weg. Weg von den Eltern, weg vom gewohnten Alltag. Neues erleben. Das Ziel: Selbstständiger werden. So geht es vielen jungen Leuten.

Koffer packen und los ... Foto: RainerSturm_pixelio.de

„Ich habe definitiv an Selbständigkeit gewonnen“, erzählt Lisa, „ich habe zum ersten Mal alleine gewohnt, musste meine Wäsche selber waschen und selber einkaufen.“ Die heute 20-jährige Studentin war nach dem Abitur für ein Jahr in Budapest und hat an der Deutschen Schule als Freiwillige unterrichtet. Die 12 Monate bedeuteten für sie „Freiheit, aber eben auch Verantwortung und Verpflichtung“. Dass man „viel über sich selbst lernt“, gehört für Lisa ebenfalls zu den positiven Erfahrungen. Die junge Frau würde ihr Gap Year deshalb auch nie als „Lückenjahr“ bezeichnen, obwohl dies der wortwörtlichen Übersetzung des englischen Begriffs entspräche. „Lücke“ klingt nach Auszeit ohne Plan, nach Rumhängen und Faulenzen. Und das waren Lisas Monate in Budapest garantiert nicht.

Sie hat die Zeit nach dem Schulabschluss genutzt, um was ganz anderes zu machen. Kein Pauken, keinen Stundenplan, keine Noten. Einfach etwas Neues ausprobieren. Lisa gehört zum Freundeskreis der 20-jährigen Politikstudentin Marie. Genauso wie Lara, Mathilde und Elisa. Sie alle haben 2014 bzw. 2015 ihr Abitur gemacht und im Anschluss ein Gap Year eingelegt. Ihre Erfahrungsberichte ähneln sich. Marie etwa war sechs Monate in Polen und hat in einem Lyzeum als Muttersprachlerin Deutsch unterrichtet. Dies bedeutete: Eigene Wohnung, eigener Haushalt, raus aus der elterlich geschützten Komfortzone, einen neuen Freundeskreis erschließen. Sich schnell in einer fremden Umgebung zurecht finden, die fremde Sprache erlernen und sich auf das Neue einzulassen, ist nicht nur für Marie der Schlüssel zum Erfolg. Man darf nicht ängstlich sein, weiß sie, man muss sich was zutrauen und neugierig sowie aufgeschlossen sein. Dies sind Schlüsselqualifikationen auch für die Berufs- und Arbeitswelt.

Ihre Freundin Lara ist nach dem Abitur für ein halbes Jahr als Au Pair nach Frankreich gegangen. In dieser Zeit, so sagt sie im Rückblick, sei ihr klar geworden, dass sie die französische Sprache vertieft weiterlernen wollte. Heute studiert sie Französisch und Sport auf Lehramt. Hier hat sich der Berufswunsch während der Auszeit konkretisiert.

In der Fremde Klarheit gewinnen. Foto: Marisol-Faure_pixelio.de


Viele nutzen die Auszeit, um sich über ihren weiteren Weg überhaupt einmal klar zu werden. Denn der Druck, das richtige Studienfach, die richtige Ausbildung zu wählen, ist in unserer Gesellschaft enorm hoch. 2010 ermittelte das Hochschul-Informations-System, dass über 40 Prozent der Abiturienten die Menge der Berufsmöglichkeiten nicht überschaute. So erging es auch Marie und ihren Freundinnen. Im letzten Schuljahr vor dem Abitur war man total fokussiert auf die Abschlussprüfungen. Tunnelblick. Dann die letzte Prüfung, Zeugnisübergabe, Abiball. Die Welt steht einem offen. Das war Euphorie pur, erzählt Marie. Doch schnell stellt sich Ernüchterung bei dem ein, der noch keinen Plan für die Zukunft in der Tasche hat.

Dass vieles bereits vor Monaten hätte in die Wege geleitet werden müssen, merkt man oft erst, wenn es zu spät ist und Bewerbungsfristen zum Teil seit  Monaten verstrichen sind. So bestätigen Marie und ihre Freundinnen, dass sie das definitive Ende der Schulzeit letztlich doch überrascht hat, das Ende plötzlich und unerwartet kam. Um sich in der Oberstufe der verkürzten Schulzeit (G8) Gedanken über seine berufliche Zukunft zu machen, fehlte den jungen Frauen aber schlichtweg die Zeit.

Dass neben dem Unterricht Zeit für eine solide Berufsorientierung geblieben wäre, können sie nicht bestätigen.
2013 ermittelte das Institut für Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg einen gewaltigen Orientierungsbedarf bei Abiturienten. Ein Jahr später bestätigte die vom Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführte Befragung „Schule, und was dann?“, dass zwei Drittel der befragten Gymnasiasten zu wenig über bestimmte Studiengänge wissen. Da nimmt es nicht Wunder, wenn die unendlichen Möglichkeiten, die einem jungen Menschen nach dem Abitur offen stehen, ganz schnell zur Last geraten. Offensichtlich ist der Übergang von Schule zu Universität schlecht organisiert. Diesen Bruch versuchen unter anderen Messen wie „Horizon“ aufzufangen, die sich gezielt an Abiturienten und die Frage nach dem „Danach“ wendet. Hier informieren sich interessierte Schüler und solche, die ihr Abitur bereits in der Tasche haben, häufig mit den Eltern über Dutzende von Bachelor- und Masterstudiengänge, über Ausbildungsmöglichkeiten und eben auch über mögliche Auszeiten.

Auslandserfahrung ist immer nützlich. Foto: steffen-hellwig_pixelio.de

Wie Personaler den Mut zur Lücke bewerten, ist unterschiedlich und hängt sehr stark von der Qualität dessen ab, was man in seiner Auszeit gemacht hat. Und davon, ob der Bewerber glaubhaft begründen kann, warum er das Gap Year gemacht hat und weshalb es ihn weitergebracht hat. Die Frage, ob bei einem späteren Bewerbungsgespräch das Gap Year als Lücke oder Bereicherung im Lebenslauf bewertet werden würde, wird, war für die fünf jungen Frauen indes nicht relevant. Nie hätten sie das Gefühl gehabt, sich für die genommene Auszeit irgendwie rechtfertigen zu müssen.

In angelsächsischen Ländern und Hochschulen hat das Gap Year eine lange Tradition. Für amerikanische College-Absolventen gehört der Trip ins Ausland fast zum kulturellen Bildungsprogramm. Dass sich das Gap Year auch in Europa weiter etablieren wird, liegt nicht zuletzt am Bologna-Prozess und der Zweiteilung der akademischen Ausbildung in einen Basisteil (Bachelor) und einen vertiefenden Abschnitt (Master). Es liegt nahe, die Zäsur zwischen dem ersten und zweiten Teil als Freiraum für die persönliche Entwicklung zu nutzen.

Grundsätzlich befürworten auch Bildungsexperten eine Orientierungszeit nach der Schule. Dass diese von immer mehr jungen Menschen nachgefragt wird, führt der Soziologe und Bildungsforscher Klaus Hurrelmann auch auf eine verfehlte Bildungspolitik zurück. Vor allem wegen der Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von neun auf acht Jahre („Turbo-Abi“) hätten die Schüler heute kaum mehr Zeit, sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen. Außerdem werde der gewünschte Effekt, nämlich sich durch Verkürzung der Oberstufe an internationale Ausbildungsstandards anzupassen, durch das immer häufiger in Anspruch genommene Gap Year konterkariert. Das gewonnene Jahr gehe durch das Gap Year ja wieder verloren. Auch unsere befragten jungen Menschen stehen durch ihre Verhaltensweise quer zum eigentlichen bildungspolitischen Ziel, das da lautet: Schneller Übergang in das Studium, schneller Übergang in den Beruf und bloß kein Vertrödeln der Lebenszeit. Nur haben sie damit kein Problem, sehen es vielmehr als Chance. Ihr Gap Year als verloren gegangene Lebenszeit zu bezeichnen, wäre weder Marie noch ihren Freundinnen je in den Sinn gekommen.

Doch ohne die Unterstützung des Elternhauses geht gar nichts. Das gilt nicht nur für diejenigen Abiturienten, die es sich dank des elterlichen Sponsorings leisten können, zu reisen oder teure Sprachaufenthalte in Anspruch zu nehmen. Eine gewisse finanzielle Unterstützung werden auch diejenigen brauchen, die mit einem Freiwilligendienst ausreisen oder als Au Pair arbeiten. Die Frage, ob sich nur finanziell besser gestellte Familien eine Auszeit für ihre Kinder leisten können (und wollen), ist sicherlich eine, die man diskutieren muss.

Literatur:


Jugendstudie Baden-Württemberg 2013:
http://www.jugendstiftung.de/fileadmin/Bilder/Jugendstudie_120.pdf
 
Allensbach-Studie 2014:
http://news.bagkjs.de/media/raw/VSDALLENSBACH2014WEB_02.pdf-Befragung 2014

Quintini, Glenda/Manfredi, Thomas.: Going separate ways:  School-to-work transitions in the United States and Europe (OECD Social, Employment and Migration Working Papers, No. 90). Paris: OECD Publishing 2009

Raffe, David.: Pathways linking education and work: A review of concepts, research, and policy debates.  Journal of Youth Studies, 6(1), 3–19

Links



http://www.bildungsdoc.de/bildungssuche/programme/1/location/0/0 
bit.ly/zs16ausland

gute Info-Plattformen


http://www.weltwaerts.de/de/programm.html

weltwärts“ ist der vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung aufgelegte Freiwilligendienst. Relativ aufwändiges Bewerbungsverfahren und strikte -fristen. Voraussetzungen:

  • Alter zwischen 18 und 28 Jahren
  • gesundheitliche Eignung
  • Hauptschul- oder Realschulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung oder vergleichbaren Erfahrungen oder Fachhochschulreife bzw. Allgemeine Hochschulreife
  • Deutsche Staatsbürgerschaft oder ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht
  • Interesse an anderen Kulturen sowie Engagement


https://www.kulturweit.de/

 

ist der internationale Freiwilligendienst in der auswärtigen Bildungs- und Kulturpolitik (Auswärtiges Amt); relativ aufwändiges Bewerbungsverfahren und strikte -fristen

Voraussetzungen:

 

  • Alter: 18-26
  • Abitur (bzw. Hochschulzugangsberechtigung) oder Haupt- oder Realschulabschluss plus abgeschlossene Ausbildung
  • Lebensmittelpunkt in Deutschland (d.h. Sie sollten die letzten zwei bis drei Jahre dauerhaft in Deutschland gelebt haben, die deutsche Staatsbürgerschaft ist nicht erforderlich)
  • gute Grundkenntnisse in der englischen und idealerweise auch Grundkenntnisse einer im Gastland gesprochenen Sprache


https://www.go4europe.de/

 

ist der Europäische Freiwilligendienst, der gefördert wird über das EU-Programm „Erasmus“ und „Jugend in Aktion“

Voraussetzungen:

  • Alter: zwischen 17 und 30

https://www.ijfd-info.de/startseite.html

 

Freiwilligendienst des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

  • Alter: 16 (Schulpflicht beendet) bis 26
  • Unterkunft und Verpflegung oft bezuschusst, monatliches Taschengeld, Vorbereitungs-, Zwischen- und Endseminare
  • Dauer: in der Regel 12 Monate, aber auch 6 und bis zu 18 Monaten sind möglich
  • Bewerbung direkt über die Träger




http://www.fsj-baden-wuerttemberg.de/infos-zum-fsj

 

Freiwilliges  soziales Jahr (FSJ)

  • Alter: 16-26
  • Dauer: 6-12 Monate (bis 18 Monate verlängerbar
  • Sozialleistungen, Taschengeld, freie Unterkunft oder Zuschuss zu den Fahrtkosten
  • Bewerbung direkt bei den Trägern oder der Einsatzstelle


http://www.fsjkultur.de/

 

Freiwilliges Soziales Jahr in der Kultur

  • Alter: 16-26
  • Schulabschluss und -noten: irrelevant
  • Bewerbung: direkt bei den Trägern oder der Einsatzstelle


Es gibt auch das FSJ Politik und das FSJ Schule:
https://bewerbung.freiwilligendienste-kultur-bildung.de/Registrierung

https://um.baden-wuerttemberg.de/de/umwelt/nachhaltigkeit/bildung-fuer-nachhaltige-entwicklung/schulabgaenger/freiwilliges-oekologisches-jahr/

 

Freiwilliges ökologisches Jahr

Vier Träger (Landeszentrale für politische Bildung, Freiwilligendienste in der Diözese Rottenburg-Stuttgart gGmbH, Internationaler Bund (IB) Freier Träger der Jugend-, Sozial- und Bildungsarbeit e.V. IB Süd und Diakonisches Werk Württemberg)

Infos zu Bewerbung und Tätigkeit direkt dort

https://www.bundesfreiwilligendienst.de/

  • Freiwilligendienst des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BFD)
  • Alter: 16-26
  • Dauer: in der Regel 12 Monate
  • Bewerbung direkt bei den Trägern oder der Einsatzstelle

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