Sind christliche Privatschulen besser?

Dienstagnachmittag, Doppelstunde Religion, Projekt „Nächstenliebe“. Die Lehrerin versucht, den Neuntklässlern des Evangelischen Heidehofgymnasiums in Stuttgart die Sinnhaftigkeit eines solchen Projektes gerade für eine christliche Schule nahe zu bringen. Dass in den nächsten 10 Wochen das Fach Religion ausfällt, finden die Jugendlichen cool; dass sie stattdessen jede Woche die Zeit von zwei Schulstunden mit einem älteren Menschen oder in einer Großfamilie mit kleinen Kindern verbringen sollen, wesentlich weniger. 

Mit Schülern Diakonie einzuüben, kann zum Kunststück werden. Foto: Wilhelmine-Wulff_pixelio

„Was soll ich denn die ganze Zeit mit so einem alten Menschen machen?“, fragt Tobias, „Und wenn er dement und gebrechlich ist, was dann?“ Die Erfahrungen an der Schule mit dem Projekt sind trotz aller Bedenken im Vorfeld positiv. Die Schülergruppe und auch die Eltern werden intensiv begleitet. Und auch Tobias merkt schnell, wie viel Freude er durch seinen wöchentlichen Besuch der alten Dame im Altersheim macht. Aus der Zeitung vorlesen, gemeinsames Kaffeetrinken, einfache Gesellschaftsspiele spielen und kleine Spaziergänge im und um das Altersheim sind für die verwitwete Seniorin das Highlight der Woche. Und Tobias hat ihr  versprochen, auch nach Abschluss des Projektes bei ihr vorbeizuschauen.

Projekt Nächstenliebe

„Diakonie einüben“, „Verantwortung übernehmen“ und „Offenheit zeigen“ – das sind zentrale Bausteine im  Schulprofil des evangelischen Heidehofgymnasiums. Im Projekt „Nächstenliebe“, das für alle Neuntklässler Pflicht ist, hat die Schule diesem Selbstverständnis als christliche Schule ganz unmittelbar Ausdruck verliehen. Dennoch bleibt auch an dieser Privatschule die Frage nach der spezifisch christlichen Profilbildung virulent. Denn sie beinhaltet unmittelbar die Frage, ob sich katholische und evangelische Schule überhaupt von staatlichen unterscheiden, und wenn ja, worin.
Sind Privatschulen, zumal christliche wirklich besser?

Der anhaltende Boom der Privatschulen ist wohl vor allem auf eine Unzufriedenheit der Eltern mit den staatlichen Schulen zurückzuführen. Erst der Pisa-Schock, dann die Einführung von G8. Viele Eltern trauen den staatlichen Lehranstalten offensichtlich nicht mehr zu, für eine fundierte Bildung ihrer Kinder zu sorgen. Der Run auf Privatschulen ist ungebremst. In Deutschland gibt es inzwischen rund 5000 Privatschulen mit über 900 000 Schülerinnen und Schülern; drei Fünftel sind allgemein bildende Schulen, zwei Fünftel berufliche Schulen. Auf die Gesamtzahl der Schulen in Deutschland im Schuljahr 2009/10 bezogen (43 577) bedeutet dies einen Anteil von rund 11 Prozent. Der Anteil bei den allgemein bildenden Schulen ist mit rund 9 Prozent jedoch deutlich niedriger als bei den Berufsschulen (22 Prozent).

Nur wenigen ist bekannt, dass die beiden großen Kirchen die weitaus größten Anbieter von Privatschulen in Deutschland sind. Spitzenreiter ist die katholische Kirche. Ihre Schulen stellen unter allen privaten Trägern bei den allgemein bildenden Schulen mit knapp 700 Schulen und über 300 000 Schülerinnen und Schülern (Stand Schuljahr 2012/13) die, gemessen an der Schülerzahl, größte Gruppe dar. Als „evangelisch“ firmierten 2012 478 allgemein bildende Einrichtungen, die von über 300 verschiedenen Schulträgern (u.a. die Diakonie) unterhalten werden;  die Schülerzahlen sind aber deutlich niedriger als bei katholischen Schulen (2007: rund 115 000). Fest steht: Die beiden  großen Kirchen sind die wichtigsten Trägerorganisationen privater Schulen, sie lassen reformpädagogische Privatschulen à la Waldorf und Montessori weit hinter sich.

Literatur und Links

 

  • Jackson, Philipp W.: Einübung in die bürokratische Gesellschaft. Zur Funktion der sozialen Verkehrsformen im Klassenzimmer, in: Jürgen Zinnecker (Hg.), Der heimliche Lehrplan, Weinheim/Basel 1975, S. 19-34.
  • Scheunpflug, Annette: Anspruch und Wirklichkeit evangelischer Schulen, in: Martina Kumlehn/Thomas Klie (Hg.), Protestantische Schulkulturen. Profilbildung an evangelischen Schulen, Stuttgart 2011, S. 404-419



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