Teilzeit-Mutter, Teilzeit-Job

15 Jahre lebte sie in ihrer französischen Heimatstadt in einer festen Beziehung, dann war Schluss. Grund war, dass sich ihr damaliger Partner ein Leben mit Kindern partout nicht vorstellen konnte. Marie-Ange Schmitt (Name geändert) dagegen wollte immer Kinder haben. Und als es dann klappte, war für sie aber auch klar: Sie wollte im Beruf bleiben.

Den Job nicht aufgeben, und für die Kinder da sein - ein Spagat. Foto: Konstantin-Gastmann_pixelio.de

Ihr Kinderwunsch besiegelte für die Mittdreißigerin das Aus einer langjährigen Beziehung. Heute ist sie Mutter zweier Kinder: 2010 wurde ihre Tochter geboren, 2013 ihr Sohn. Die Französin hatte völlig unerwartet in Deutschland den Mann fürs Leben kennengelernt, für den eigene Kinder zu haben, ebenfalls ganz oben auf der Prioritätenliste stand. Für Marie-Ange Schmitt war aber auch klar, dass sie sich nach 14 Jahren Berufstätigkeit in Frankreich nicht in der ausschließlichen Rolle als Mutter und Hausfrau wiederfinden wollte.

„Der Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland ist in dieser Beziehung riesengroß“, findet sie. In ihrer Familie haben beide Großmütter sowie die eigene Mutter immer Vollzeit gearbeitet und die Kinder quasi nebenher  großgezogen.  Marie-Ange Schmitt ist ein Scheidungskind. Es war nicht zuletzt die Trennungserfahrung, welche Marie-Anges Mutter bewegt hat, ihrer eigenen Tochter ins Gewissen zu reden: Sei als Frau unbedingt finanziell unabhängig und stehe deshalb beruflich auf eigenen Füßen.

Alle Frauen haben einen Vollzeitjob

Nicht nur die Frauen der eigenen Familie boten Marie-Ange in dieser Beziehung eine Orientierung, auch haben alle ihre Freundinnen in Frankreich einen Vollzeitjob, einen Mann und Kinder. Allerdings um den Preis der Selbstausbeutung und Raubbau an der eigenen Gesundheit, wie die heute in Stuttgart lebende Französin inzwischen weiß. Das gängige französische Modell sieht nämlich vor, dass die Frau – wie der Partner  - nicht nur Vollzeit arbeitet, sondern die Haus- und Familienarbeit exklusiv für sich allein hat.

Es ist die Regel, dass Babys im Alter von drei Monaten in die Krippe oder zur Tagesmutter gebracht werden und dort von 7 Uhr morgens bis 18:30 Uhr bleiben, dass durch das flächendeckende Angebot von Ganztageskindergärten und -schulen die Betreuung von Kindern dieser Altersgruppen gewährleistet ist und für die Zeit von 16:30 (Schulschluss) bis 18:30 (Abholzeit durch die Mutter) entweder eine zusätzliche Kraft (oft dieselbe Tagesmutter, die das jüngste Geschwisterkind betreut) gefunden oder das Schulkind im Hort der Schule, der sogenannten „étude“, angemeldet werden muss.

Während dieser langen Betreuungszeit können in der Tat beide Elternteile von Montag bis Freitag in ihrem Job arbeiten. Lange Zeit übte dieses Modell eine große Strahlkraft auch nach Deutschland aus, das bei der Versorgung mit Ganztagesangeboten sowie Kita- und Krippenplätzen als notorisches Schlusslicht in Europa galt. Doch gilt es auch hier beide Seiten der Medaille in den Blick zu nehmen. Dies tut Marie-Ange kontinuierlich, indem sie, wie sie sagt, ihre „deutsche Brille“ aufsetzt.

Rollenverständnis bleibt traditionell

Von einer partnerschaftlichen Arbeitsteilung im familiären Bereich sind die Paare aus ihrem Freundeskreis in Frankreich nämlich meilenweit entfernt. Das Rollenverständnis des französischen Mannes ist ein traditionelles und erschöpft sich im Selbstverständnis des Geldverdieners und Berufsmenschen. Aktiv in die Erziehung oder gar Betreuung der Kinder schaltet sich keiner der (männlichen) Freude und Bekannten von Marie-Ange Schmitt ein. Diese Last schultern ihre Freundinnen ganz allein.

Vater, Mutter, Kinder: Und die Rollenverteilung wie immer? Foto: Stephanie--Hofschlaeger_pixelio.de

„Sie kommen alle irgendwie durch“, sagt sie, „aber leider immer häufiger nur mittels Antidepressiva“. Ihre beste Freundin beispielsweise hat drei Kinder und einen anspruchsvollen Job als Kundenberaterin in einer Bank.  Nach der Arbeit ist es immer sie, die die Kinder von der Schule bzw. Tagesmutter abholt, die Kinder der Reihe nach badet oder duscht, Abendessen macht und die Kinder ins Bett bringt. Am Wochenende erledigt sie den Großeinkauf, kocht für die ganze Woche vor, friert die Portionen ein, so dass an den Wochentagen abends nur noch aufgetaut, aber nicht mehr gekocht werden muss. Auch diese Freundin schluckt Pillen. Und funktioniert weiter.

Inzwischen hat sich Marie-Ange Schmitt – wie gesagt - einen kritischen Blick auf das familienpolitische Geschehen in ihrem Heimatland zugelegt. Und sich von dem französischen Modell weitgehend verabschiedet. Sie stecke ihre beiden Kinder beispielsweise nicht zwanghaft jeden Abend in die Badewanne, erzählt sie lachend, der Sinn hinter diesem französischen Usus hat sich ihr ohnehin nie erschlossen: „Und es spart enorm viel Zeit“.  Außerdem hat sie das große Glück, einen Partner zu haben, der ein Vollblut-Papa ist. Wenn es sein Job zuließe, würde er gerne noch mehr Zeit mit den Kindern verbringen.

Noch beschränkt sich diese Zeit auf die Wochenenden, aber an diesen zwei Tagen sei ihr Mann ganz bewusst und intensiv für die Kinder da. „Dann ist er zwar mehr Papa als Ehemann und Partner“, sagt Marie-Ange Schmitt, aber das Wissen, einen Mann zu haben, der seine Vaterrolle so vorbildlich ausfüllt, ist für sie unbezahlbar. Und welch ein Unterschied zu den Partnern ihrer Freundinnen in Frankreich! Allerdings, so merkt sie verschmitzt an, ein Wochenende nur zu zweit wäre auch etwas Schönes, aber da muss sie bei ihrem Mann noch eine Menge Überzeugungsarbeit leisten.

Marie-Ange Schmitt ist nach je einem Jahr Babypause in ihren Job zurückgekehrt. Dass sie sich eine Auszeit von je zwölf Monaten genommen hat, lag am Elterngeld, das es seit 2007 in Deutschland gibt. Da es sich beim Elterngeld um eine Lohnersatzleistung handelt, bezog Marie-Ange während ihrer Auszeiten jeweils 67 Prozent ihres vorherigen Nettogehalts.  Diese Möglichkeit gibt es in Frankreich leider nicht, sagt sie mit Blick auf ihre gestressten Freundinnen.  Sie hingegen konnte mit gutem Gewissen die zwölf ersten Monate zu Hause beim Kind bleiben, setzte dadurch weder den Job aufs Spiel, noch hatte sie allzu große finanzielle Einbußen.

Und wer kauft ein? Foto: Rosel-Eckstein_pixelio

„Für mich war es ein Geschenk, ein Jahr lang beim Kind zu bleiben“, sagt die Französin rückblickend. Sie blieb zwölf Monate zu Hause, anschließend ihr Mann weitere zwei Monate. Damit hat das Paar die maximale Bezugsdauer beim Erziehungsgeld ausgeschöpft.  Wenn sie heute an vier Tagen in der Woche um kurz nach 7 Uhr das Haus verlässt, hat sie in der Regel nicht nur das Frühstück und die Vesperdosen für die Kinder vorbereitet, sondern die beiden auch schon angezogen. Ihr Mann sei ein Morgenmuffel, verrät sie, ihr hingegen mache das frühe Aufstehen nichts aus. Den Rest erledigt dann der Familienvater. Er bringt die Tochter zur Schule und den Kleinen zur Tagesmutter. Um 9 Uhr ist auch er im Büro, da hat seine Frau schon eineinhalb Stunden gearbeitet. Die Abholrunde ist dann die Aufgabe von Marie-Ange. „Wenn ich die Bürotür hinter mir schließe“, sagt sie, „dann ist der Job beendet und ich freue mich auf die Kinder“.  Für den Rest des Tages ist sie dann ausschließlich Mutter und Hausfrau. Und das mit vollem Herzen. 


Während sie zu 70 Prozent arbeitet, hat ihr Mann einen 100 Prozent-Job. So schultert Marie-Ange Schmitt auch hier die hauptsächliche Familienarbeit wie Kochen, Einkaufen, Wäsche oder Hausaufgabenbetreuung.  „Auch für das gesamte Familienmanagement bin ich zuständig“, sagt sie, „also dafür, wer wann Gummistiefel oder neue Hosen braucht, welches Geschenk für den Kindergeburtstag besorgt wird, zu dem die Tochter eingeladen ist, oder welches Faschingskostüm die Tochter in diesem Jahr trägt und so weiter“.  Ihr Mann entlastet sie aber an den Wochenenden. So ist er für die Sauberkeit der Wohnung verantwortlich und einmal pro Wochenende auch für’s Kochen.

Der Blick in die Zukunft: es geht ums Kind. Foto:Helene-Souza_pixelio.de

Einen einseitigen Lebensschwerpunkt „Berufsleben“ lehnt ihr Mann ab, wichtig ist ihm vielmehr, am Alltag und Heranwachsen der Kinder teilzuhaben. So denkt er aktuell intensiv über eine Reduzierung seines beruflichen Engagements nach.  Wie seine Frau nur an vier Tagen in der Woche zu arbeiten und einen Tag für die Kinder frei zu haben, wäre für ihn daher die ideale Lösung.  Noch ist es nicht so weit.
Aber bereits heute fällt die Bilanz von Marie-Ange Schmitt positiv aus. Klar, dass auch Glück mit im Spiel war. Einen Platz für die Tochter im Hort der Grundschule zu ergattern und zugleich den einjährigen Sohn bei einer Tagesmutter unterzubringen, bei der auf Anhieb die Chemie stimmte, sei schon fast wie ein Sechser im Lotto gewesen. Und beides auch noch vor Ort ohne große Anfahrtswege. Stress gibt es allerdings dann, wenn die Kinder krank werden. In einem solchen Fall helfen die ganzen Betreuungseinrichtungen nichts, da heißt es für ein Elternteil, zu Hause bleiben. Im ungünstigsten Fall müssen dafür Urlaubstage geopfert werden.

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