Von Beruf Mutter

Welcher Beruf ist das? Er erfordert Geduld, Gelassenheit und eine gute körperliche Konstitution. Bisweilen beginnt der Arbeitstag um halb sechs, manchmal dauert er bis zum späten Abend. Es ist ein Job für drinnen und draußen, mit viel Bewegung, Kunst und Kreativität. Kinder verarzten, kochen und putzen gehören auch mit dazu. Antwort: Tagesmutter.

Über schöne Bilder freut sich auch eine Tagesmutter. Foto: Helene-Souza_pixelio.de

„Krank“, sagt Jacqueline Wittwer, „sind meine Kolleginnen und ich eigentlich nie, wie es für Selbständige üblich ist.“  Dennoch ist der Beruf Tagesmutter im Vergleich eher unterdurchschnittlich bezahlt: Drei bis neun Euro pro Stunde und Kind verdient eine Tagesmutter, finanziert entweder von den Eltern, dem Jugendamt oder beiden gemeinsam.

Jacqueline Wittwer arbeitet seit sieben Jahren als Tagesmutter in Berlin-Spandau. „In Berlin“, berichtet sie, „betreut jede Tagesmutter fünf Kinder, in Ausnahmefällen kommt ein sechstes dazu. Möglich ist das im Alter von null bis sechs Jahren, die meisten sind jedoch zwischen eins bis vier.“ In einem Alter also, in dem Kinder rasant viel lernen und immer mobiler werden. Zu ihrem Beruf kam die vierfache Mutter eher durch Zufall, berichtet sie – zwei Kinder waren bereits erwachsen, die jüngere Tochter in der Grundschule, der Sohn gerade im Kindergarten. „Seine bisherige Tagesmutter, bei der er sich sehr wohl gefühlt hatte, fragte mich: Warum machst du diesen Beruf eigentlich nicht?“

Tagesmutter Jacqueline Wittwer. Foto: privat


Wittwer selbst arbeitete zu dieser Zeit im Außendienst, war mit Anfang 40 bereit für etwas Neues und nahm Kontakt zum Jugendamt auf. Sie qualifizierte sich in einem 160-stündigen Kurs zur Tagesmutter, durfte fortan drei Kleinkinder  gleichzeitig betreuen und machte später das Aufbau-Zertifikat. So kamen noch zwei Kinder hinzu.

Liebevolle Art und gesunde Intelligenz

Pädagogisches Wissen, immer aktuelle Erste-Hilfe-Kenntnisse und eine kindersichere Umgebung muss haben, wer Tagesmutter sein will. Auch überprüft das Jugendamt, ob das polizeiliche Führungszeugnis ohne Einträge ist und wie es mit der körperlichen und psychischen Gesundheit aussieht. Außerdem, so Wittwer, braucht jede Tagesmutter: „Geduld, Konsequenz, eine liebevolle Art und eine – ich nenne es mal – gesunde Intelligenz.
Dann klappt auch die Kommunikation mit den Eltern.“ Die äußern ihre Sorgen, ihr Lob, aber auch Kritik nämlich ungefiltert. „Wir sind viel näher dran am Kind als eine Kita-Erzieherin“, gibt Jacqueline Wittwer zu bedenken. „Was wir machen, ist transparent und wir geben viel von uns preis.“

Wem das nichts ausmacht, ergänzt sie, für den ist der Beruf sehr erfüllend. „Das Schönste sind die Augen der Kinder. Ihre Liebe und Dankbarkeit. Wenn die Eltern montags erzählen, wie der Sohn oder die Tochter am Sonntag die Tasche packte und sagte, kommt, wir gehen zur Jacqui.“ Die Welt immer wieder aufs Neue mit Kinderaugen neu zu entdecken, genießt sie sehr. All die zauberhaften Anfänge: Der erste Satz, das erste Kritzelbild, der erste Schritt.

Unterwegs, auf Spiel- und Sportplätzen, trifft sie oft Kolleginnen mit deren Tageskindern – das Miteinander empfindet sie als bereichernd. „Normalerweise achte ich darauf, dass ich um 16.30 Uhr Feierabend habe“, ergänzt sich. Zeit  nur für sich und die eigene Familie, Zeit zum Auftanken, empfiehlt sie, und auch mal Urlaub sollte jede Tagesmutter sich zugestehen.

Kinder können sich gut benehmen

Eltern, die sich gar nicht vorstellen möchten, wie es mit fünf Kleinkindern gleichzeitig ist, versichert Jacqueline Wittwer: „Weniger anstrengend, als viele denken.  Bei mir sind die Kinder anders als zuhause. Sie reißen sich eher zusammen.“ Unterwegs erntet sie oft ungläubige Blicke. Etwa, wenn sie mit zwei Kolleginnen und insgesamt fünfzehn Kindern bei einem Ausflug in ein Lokal einkehrt. „Manche, vor allem Ältere, schauen erst ganz entsetzt. Dann beginnen wir zu essen und nach einer Weile wendet sich das Blatt. Die Leute lachen mit den Kindern und loben uns Tagesmütter dafür, wie gut sich alle benehmen.“

Bei jungen Familien sei wohl öfter Chaos an der Tagesordnung, räumt sie ein. Manchmal lehnt sie eine Familie ab – weil die Chemie nicht passt. „Auch zu hohe Forderungen gehen nicht – wenn Eltern zum Beispiel wollen, dass ihr Kind nur Bio-Nahrungsmittel bekommt, dann müssen die Eltern mehr bezahlen oder Essen mitgeben. Ich koche zwar viel bio, doch ausschließlich, das wäre nicht bezahlbar.“

Jedes Kind braucht seinen festen Platz. Foto: Rainer-Sturm_pixelio.de

Eltern sind heute unsicherer als vor 30 Jahren, als sie ihr erstes Baby bekam, findet Wittwer. „Ich erlebe die Gesellschaft als sehr fordernd, und vielen Eltern hat nie jemand vorgelebt, wie man Kinder erzieht.“ Das kann dazu führen, dass einige überängstlich werden und ihren Nachwuchs überall hin kutschieren, statt ihn buchstäblich laufen zu lassen. Oder es werden kaum Grenzen gesetzt. Die stützende Großfamilie ist oft nicht in der Nähe, weil junge Paare berufsbedingt umziehen mussten. Eine Tagesmutter, weiß Wittwer, kann da viel ausgleichen. Jungen Müttern den Rücken stärken, Kindern Raum zum Toben geben, Sicherheit schenken. Wenn Eltern sich bedanken, ihr nächstes Baby wieder bei ihr anmelden und sie weiterempfehlen, freut sie das natürlich sehr. „Und auch, wenn es anstrengende Momente und Tage gibt – ich möchte Tagesmutter bleiben, bis ich in Rente gehe!“


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