Wer sucht, der findet - Klugheit

Wie werden Kinder klug? In der Schule, möchte man meinen. Doch stimmt das? Und wenn ja, wie müssten unsere Schule aussehen? Einer der Antworten auf diese Fragen sucht und auch gefunden hat, ist der Hirnforscher Gerald Hüther. Und im Grunde ist es nur eine Antwort.

Freunde tragen durchs Leben und durch die Schule. Foto: Stephanie Hofschlaeger_pixelio

Klug? Was ist das eigentlich? Gerald Hüther überlegt da nicht lange. Für ihn ist derjenige klug, „der das innere Bedürfnis hat, sich neues Wissen anzueignen“. So einfach? Einfach neugierig sein? Ja. „Und deshalb ist ein kleines Kind unglaublich klug“, sagt Hüther. Nicht klug ist es für ihn dagegen, wenn man das Gehirn als Datenspeicher betrachtet. Das können Computer besser. Um es also noch einmal zu präsisieren: Kluge Menschen sind also suchend unterwegs. Und sie sind in der Lage die Dinge auf immer neue Weise zu verknüpfen.

Damit ist der Kern beschrieben, um den es geht. Und der hat es in sich. Denn wer suchend unterwegs ist, der braucht laut Hüther vor allem eines: echte Begegnungen mit anderen Menschen. „Aber wir begegnen uns leider viel zu selten“, sagt der Hirnforscher. Denn allzuoft behandeln wir uns nur gegenseitig als wären wir Objekte. Als Subjekte – um es vielleicht allgemeiner auszudrücken – auf Augenhöhe treffen wir nicht so oft aufeinander. Das ist die „offene Wunde“ im allgemeinen Leben und in der Schule im Besonderen. „Die Beziehungskultur fehlt“, sagt Gerald Hüther.

Wenn sich eine Nervenzelle auf Kosten der anderen schlau macht, dann führt das zur psychischen Entgleisung. Wenn Beziehungen Menschen an der Entfaltung hindern, dann macht das eben auch krank. Das Problem ist nur, dass unsere Kultur dieses ausnutzenden Beziehungen fördert, die andere nur als Objekt sehen, weil unsere Wirtschaft und unsere Konsumgesellschaft darauf aufbaut.


Andere Menschen machen glücklich

Beziehungskultur kann also günstig oder ungünstig aufgebaut sein. Eine günstige Beziehungskultur macht nicht nur klug, sondern auch glücklich. Gerald Hüther sagt: „Für das Glück des Menschen ist es gut, wenn er mit anderen Menschen zusammen ist, wo er sich gesehen und wertgeschätzt fühlt, wo ihm etwas zugetraut wird, und wo er weiß, dass er geborgen ist.“ Das brauchen kleine Kinder und das brauchen auch Schüler. Aber in der Schule hört es meist schon auf. Warum? Weil der Schüler dort in erster Linie „als Objekt von Bewertung und klugen Ratschlägen gesehen wird“. Und jemand, der als Objekt behandelt wird, handelt nun mal nicht als Subjekt.

Die fatale Folge aus dieser Siuation ist nun, wie Hüther erläutert, dass der Schüler eine Lösung sucht. Und die sieht so aus, dass er selbst andere ebenfalls zum Objekt macht. „Dann geht es wieder.“ Wer das dann nicht fertig bringt, macht sich selbst zum Objekt und sagt: „Ich bin blöd. Ich kann kein Mathe.“ Ein Teufelskreis entsteht.

Hüthers Rat an die Schule und ihre Lehrer, aber auch an die Eltern lautet daher: Sich als Subjekte begegnen. Also genau hinschauen, wenn ich vor mir habe. Dann werde auch klar, wer mehr Struktur beim Lernen brauche oder wer mehr „freies Land“ benötige. Angst oder Liebe: das ist die Alternative. Mit Angst und Druck erreiche man nichts, mit Liebe alles oder zumindest viel. Hüther: „Klugheit und Erfolg im Leben hängt primär davon ab, ob man Lust auf Suchen hat.“

Tipp

Wissenschaft für alle

Gerald Hüther zählt zu den bekanntesten Hirnforschern Deutschlands. Praktisch befasst sich der Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen mit neurobiologischer Präventionsforschung.

In seiner Öffentlichkeitsarbeit geht es ihm um die Verbreitung und Umsetzung von Erkenntnissen aus der modernen Hirnforschung. Er versteht sich als „Brückenbauer“ zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher und individueller Lebenspraxis. Sein Ziel ist die Schaffung günstigerer Voraussetzungen für die Entfaltung menschlicher Potenziale, speziell im Bereich Erziehung und Bildung sowie auf der Ebene der politischen und wirtschaftlichen Führung.

Hier geht es zu seiner Homepage: www.gerald-huether.de/

Herbert Renz-Polster, Gerald Hüther
Wie Kinder heute wachsen
Beltz Verlag
17,95 €

 

 

 

 

Lesen Sie mehr über die "kluge Schule" auf Familienzeit: 

Wie Kinder klug werden

 

 

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