Wie der gute Start ins Leben gelingt

Eine sichere emotionale Bindung ist der beste Start ins Leben eines Kindes. Mit dieser Grundlage kann sich ein Baby zu einem selbständigen Kind entwickeln. Dann kann es vorübergehende Trennungen leichter verkraften – zum Beispiel wenn Mama oder Papa es in die Kita oder zur Tagesmutter bringen. Aber wie entsteht eine sichere Bindung? Und was bedeutet das für die Betreuung durch andere Personen?

Wer sich gehalten weiß, geht leichter durchs Leben. Foto: Jorma-Bork_pixelio.de

Jedes Baby hat ein elementares Bedürfnis nach Nähe und Schutz und Sicherheit. Heute wissen wir, dass eine sichere Bindung Grundlage für die gute emotionale Entwicklung eines Kindes ist.   Wissenschaftlich anerkannt wurde das erst in den 50er-Jahren. In den allermeisten Fällen ist die Mama diese erste Bezugsperson für das Baby. Und obwohl es schwer messbar ist, spricht immer mehr dafür, dass schon ein ungeborenes Baby das Bedürfnis nach Bindung verspürt. Das geschieht schon im Bauch, wenn das Baby die Stimme der Mutter und ihre Berührungen wahrnimmt. Wenn es auf der Welt ist, braucht das Baby eine Bezugsperson, die zuverlässig und feinfühlig auf seine Bedürfnisse eingeht. Erst wenn dieses grundlegende Bedürfnis verlässlich befriedigt wird, kann allmähliches Loslassen gelingen.

Was bewirkt eine sichere Bindung?

Sicher gebundene Kinder, wie es in der psychologischen Fachsprache heißt, sind Kinder, die mit einem Urvertrauen ausgestattet sind. „Sie sind später widerstandfähiger gegenüber Belastungen, können Probleme besser bewältigen und verhalten sich weniger aggressiv. Sie können sich gut alleine beschäftigen und im Spiel vertiefen. Dazu kommt, dass sie besser lernen und kreativer sind und zeitweilige Trennungen gut verkraften“, erklärt der Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Mantel.

Der Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Mantel.

Kinder, die dieses Urvertrauen nicht aufbauen konnten, erleben regelrechten Stress in solchen Momenten. Ihr Körper und ihre Seele sind so damit beschäftigt, die für sie belastenden Situationen auszuhalten, dass sie sich kaum auf anderes einlassen können. Sie werden leicht zu Einzelgängern und Außenseitern, sind oft rechthaberisch und aggressiv, wollen beschäftigt werden und haben meist Schwierigkeiten, sich in andere hinzuversetzen.

So entsteht Bindung

In der ersten Zeit werde die Basis für die gesamte psychische Entwicklung eines Menschen gelegt.  Kinder binden sich zunächst an eine feste Bezugsperson, so Mantel, der seine Facharztpraxis für Psychotherapie in Calw führt. Das sei oftmals die Mutter, weil sie meistens zur Stelle ist, um auf die Bedürfnisse zu reagieren. Sie tröstet, wenn das Baby in einer fremden Umgebung verunsichert ist, Angst hat, krank oder müde ist. Durch Körperkontakt und Blickkontakt wendet sie sich ihm zu und zeigt ihm, dass sie seine Bedürfnisse wahrnimmt. Sie führt Zwiegespräche, in dem sie das Babyplappern aufnimmt und ihre eigene Stimme auf die Babylaute einstimmt. Sie erkennt auch, wenn es das Köpfchen wegdreht und in Ruhe gelassen werden will.

Möglicherweise weint das Baby und man kann keinen unmittelbaren Grund dafür erkennen. Dann ist es wichtig, in der Nähe zu sein, es aufzunehmen und Körperkontakt spüren zu lassen. Weinen kann vieles bedeuten und manchmal erkennt man erst Tage später die Ursache, vielleicht weil ein Zähnchen drückt oder sich ein Infekt ankündigt. Versteht die Bezugsperson es, auch die ungenauen Signale richtig zu interpretieren und feinfühlig darauf zu reagieren, gibt sie dem Baby emotionale Sicherheit.

Vertrauen ist der Anfang. Wer es zu Hause nicht erfährt, sucht es woanders.
Foto: Martin-Schemm_pixelio.de

„Die Natur hat es so eingerichtet, dass die allermeisten Mamas das ganz automatisch richtig machen. Zudem schickt auch der Körper Hilfe“, zeigt Mantel auf, „das Hormon Oxytocin, auch Kuschelhormon genannt, löst das Gefühl von Vertrauen aus. Es stellt sich auch später wieder in solchen Situationen ein.“ Aber auch der Vater ist eine wichtige Bezugsperson. Seine körperliche Nähe, die Stimme und intensiver Kontakt fördern die Bindung. Der Vater lernt Stück für Stück die Bedürfnisse seines Kindes richtig zu deuten und zu reagieren.

Der richtige Zeitpunkt für die Fremdbetreuung

Im Laufe des ersten Lebensjahres kommen meist noch ein bis zwei weitere Bindungspersonen hinzu. So entsteht ein kleines Netzwerk von drei bis vier Personen, das ein Säugling schon gut überblicken kann. Aber selbst darin hat es eine absolut bevorzugte Bezugsperson. Nach ihr verlangt es als erstes und von ihr lässt es sich am schnellsten trösten. Erst wenn sie nicht verfügbar ist, folgen die anderen nach. Je jünger das Kind ist, umso wichtiger ist eine feste Bezugsperson. Das heißt, auch wenn die Oma oder eine feste Tagesmutter die Betreuung oder Pflege des Kindes übernimmt, muss sie in der Lage sein, feinfühlig darauf einzugehen, betont Mantel.

Eine Kitabetreuung bevor das Baby vier Monate alt ist, ist aus der Sicht der modernen Bindungsforschung nicht empfehlenswert. Mantel und viele seiner Kollegen halten es für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung, Kitas ab Null Jahre einzurichten: „Das kann im Sinne einer guten psychologischen Entwicklung nur funktionieren, wenn das Kind eine feste Betreuungsperson zur Verfügung hat. Und das ist in der Realität nicht der Fall.“  Die Gesellschaft für Seelische Gesundheit weist sogar darauf hin, dass das sowohl Babys als auch Betreuer überfordere.

Kleinkind unter drei braucht verlässliche Person

Ein Kleinkind unter drei Jahren braucht ständig eine verlässliche Person in unmittelbarer Nähe. Erst danach kann es sich so ausdrücken, dass die Erzieherin versteht, was es möchte. Es hat dann auch gelernt, dass es manchmal warten muss, bevor ein Bedürfnis erfüllt wird. Ideal wäre, das Kleinkind könne in der Familie die emotionale Sicherheit und das Urvertrauen entwickeln. Besser sind also beispielsweise Modelle, bei denen sich Eltern in der Betreuung abwechseln könnten.

Nicht „kurz und schmerzlos“

Aber manchmal lassen es die Umstände nicht anders zu und die Eltern möchten oder müssen ihr Kind unter drei Jahren in eine Krippe oder zur Tagesmutter geben. Grundsätzlich sind Tagesmütter eine gute Alternative weil sie oft weniger Kinder zu betreuen haben. Auf der anderen Seite ist sie ja in der Regel alleine, das heißt, um nicht überfordert  zu sein, sollte sie nicht mehr als zwei bis drei Kleinkinder in ihrer Obhut haben. Egal, für welche Betreuung man sich entscheidet, Mantel rät dringend zu einer guten Vorbereitungs- und Übergangszeit. „Kurz und schmerzlos“, wie der Tipp in manchen Ratgebern heißt, kann der Kinder- und Jugendpsychiater nicht befürworten.

„Im Interesse einer guten psychologischen Entwicklung des Kindes halte ich eine Übergangsphase von zwei bis drei Wochen für wichtig. Ist man eine Zeit lang mit dabei, wenn die Erzieherin oder Tagesmutter mit dem Kind spielt, kann man erkennen, ob die Person feinfühlig mit dem Baby umgeht. Dann kann man ihm signalisieren: wenn ich nicht da bin, sorgt diese Bezugsperson für dich.“ Ob sich das Kind dort gut aufgehoben fühlt, erkennt man schnell an seinen Reaktionen. Kann es kreativ spielen, lächelt es, wendet es sich den Angeboten zu, kann man davon ausgehen, dass es zufrieden ist.  Lässt es sich von der Tagesmutter trösten oder zum Schlafen legen, ist sie zu einer weiteren sicheren Bezugsperson geworden. Auch in der Krippe spielt die Qualität eine wichtige Rolle beim Wohlfühlen. Das sind gut ausgebildete feinfühlige Erzieherinnen und ausreichend Ressourcen. Im Idealfall soll sich eine Erzieherin um zwei, höchstens drei Kleinkinder kümmern. In der Realität ist der Betreuungsschlüssel leider sehr viel höher. Mantels Rat: „Eltern sollten ganz genau hinschauen, ob ihr Kind in der Einrichtung oder bei der Tagesmutter gut aufgehoben ist.“


Zum Weiterdenken:

 

  • Trotz der Nachteile, die eine frühe Fremdbetreuung für die Kindespsyche mitbringt, kann es in schwierigen Familienkonstellationen besser sein, wenn die Kinder in einer ergänzenden Betreuungssituation groß werden.
  • Wenn Kinder viel Zeit bei einer Tagesmutter verbringen und sehr gut versorgt sind, kann es sein, dass sie weinen, wenn sie abgeholt werden. Nimmt das Kind eine enge Bindung zu ihr auf, fühlt sich manchmal die Mutter zurückgesetzt oder Vater vom Kind entfremdet. So führen vielleicht unbewusste Schuldgefühle bei den Eltern dazu, dass sie abends oder am Wochenende zu viel des Guten tun, um eine intensive Bindung nachzuholen. Die Signale des Babys werden nicht mehr feinfühlig wahrgenommen und viel zu viel Programm gemacht wird, obwohl das Kind müde ist und in Ruhe gelassen sein will. Die richtige Balance zu finden, bedarf eines hohen Einfühlungsvermögens.
  • Der Ausbau der frühen Kitas und die Forderung nach Ganztagsbetreuung sind nach Ansicht vieler Bindungsexperten eine gesellschaftliche Fehlentwicklung mit dem Risiko, der Entfremdung von Eltern und Kind und dass eine ganze Generation von Kindern emotionale Probleme bekommen kann. Sie betrachten mit Sorge, wie viele Kinder bereits mit wenigen Monaten und für viele Stunden am Tag in Krippen abgegeben werden. Untersuchungen zu Stresshormonen bei Krippenkindern zeigen bedenkliche Werte.

    Immer mehr Eltern stellen sich die Frage, ob sie die Verantwortung für ihre Kinder wirklich fremden Menschen überlassen sollen in mehr oder weniger gut ausgestatteten Einrichtungen mit mehr oder weniger gut ausgebildetem Personal und viel zu hohen Betreuungsschlüsseln? Nach Ansicht von Bindungsexperten wäre es besser, Politik und Wirtschaft würden Modelle unterstützen, die es den Eltern möglich machen, die Arbeit zwischen Vater und Mutter aufzuteilen, um Kinder abwechselnd betreuen zu können. Der Journalist Rainer Stadler hat sich ausführlich mit dem Thema auseinandergesetzt und kommt zum Schluss: Die einmalige Beziehung zwischen Eltern und Kindern lasse sich nicht auslagern. Eltern sollten sich diese Aufgabe nicht leichtfertig abnehmen lassen. Und wenn doch, dann sollten sie zumindest die Risiken kennen.


„Eltern sind die einzigen Menschen, die von Natur mit der Fähigkeit ausgestattet wurden, ihr Kind ohne Wenn und Aber zu lieben.“ Rainer Stadler, Journalist.

 

Buchtipps zum Weiterlesen:

 

Bauchgeflüster - Schwangerschaftsrituale für eine innige Mutter-Kind-Beziehung, Sabine Schlotz,
TRIAS Verlag 2015, ISBN 9783830481638, 14,99 EUR

Vater, Mutter, Staat – Das Märchen vom Segen der Ganztagsbetreuung – Wie Politik und Wirtschaft die Familie zerstören, Rainer Stadler, Wilhelm Heyne Verlag München, 2. Auflage 2015; ISBN978-3-453-28061-8, 19,99 Eur

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