Aus der Angst befreien

Angst: Das Phänomen kennt jeder. Und Familienmitglieder bekommen es hautnah mit. Eltern erleben es an ihren Kindern, Paare spüren es am Partner. Cornelia Mack versucht, Wege aus dieser Angst aufzuzeigen. Und sie betont: Es gibt einen Weg aus der Angst.

Angst fühlt sich an wie freier Fall. Foto: Janusz-Klosowski_pixelio

In diesem Artikel lesen Sie:

  • Wie man Angst zulässt
  • Warum man Ängste zu Ende denken soll
  • Und wie man die Ängste entmachtet

 

Wie befreiend es ist, Angst-Situationen zu überwinden, das hat Cornelia Mack an sich selbst erlebt. Aber auch in ihrer Beraterinnentätigkeit erfährt sie immer wieder, wie Menschen von Angst beherrscht werden, ohne es zu merken. „Wenn man manche Leute fragt, ob sie irgendwo mitarbeiten wollen, sagen sie oft Nein“, erzählt Cornelia Mack und fügt hinzu: „Aber dahinter steckt oft Angst. Und wie viele Chancen verpasst man auf diese Weise im Leben!“

Nun gibt es viele Formen der Angst – grundsätzliche Ängstlichkeit, Phobien, Panikattacken –, die nicht über einen Leisten geschlagen werden können. Gemeinsam ist ihnen allen aber, dass oft auch die Umwelt, die Familie mitbetroffen ist und manchmal sogar eine Art Co-Abhägigkeit entstehen kann, ähnlich wie bei Suchterkrankungen. Wenn daher jemand zum Beispiel aus einer generalisierten Angststörung beginnt, Plätze oder Situationen zu vermeiden, dann ist es wenig hilfreich, wenn das von den Verwandten zusätzlich unterstützt, entschuldigt oder sogar verheimlicht wird.

Zulassen, anschauen, entmachten

Wie also kann die Familie mit dem Problem umgehen? Das Wichtigste bei  allen Ängsten ist es, wie Cornelia Mack erklärt: Betroffene sollten ihre Angst erst mal zulassen, sie anschauen, um sie so zu entmachten und zu verwandeln. Und zum Anschauen gehört auch dazu, dass die Umwelt die Angst erkennt. Denn Angst sieht nicht immer wie Angst aus: Menschen können aus Angst aggressiv reagieren, sie können erstarren oder die Flucht ergreifen. Der Familie hilft es, diese drei Muster zu kennen und sich zu fragen: Steckt da gerade Angst hinter diesem Verhalten? „Es ist ja immer wichtig, mal einen Perspektivwechsel vorzunehmen“, sagt Cornelia Mack. Den eigentlichen Grund einer Reaktion zu erfragen, kann helfen, eine Situation zu entspannen.

Es ist aber nicht immer einfach, die Angst eines Menschen als solche zu erkennen: Von außen ist es schwer zu deuten, dass jemand innerlich erstarrt. Wenn ein Mensch aggressiv reagiert, kann es sein, dass er Angst hat, eine Verletzung noch einmal zu erleben. Auch das ist nicht leicht zu durchschauen. Wichtig sei – und das ist immer der erste Schritt zur Überwindung – die Angst zu erkennen, sich mit ihr zu konfrontieren und mit ihr ins Gespräch zu kommen.

Cornelia Mack verpackt es in ihrem Buch in das Bild: auf die bellenden Hunde zugehen und mit ihnen reden. „Sie zeigen uns etwas, sie weisen uns einen Weg, sie signalisieren einen Schatz, etwas Kostbares, Entwicklungspotenzial, Veränderungsmöglichkeiten, neue Chancen“, formuliert  Cornelia Mack in ihrem neuen Buch „Angst verstehen, entmachten, verwandeln“.

"Ich renne nicht weg"

Die Autorin betont, dass Betroffene immer selbst spüren müssen, wie weit sie sich mit ihrer Angst konfrontieren wollen. Der Wunsch und die Sehnsucht muss dabei von innen kommen. So können Angstpatienten erleben, wie sie die Blockaden überwinden, und ihre Kräfte neu entdecken. Denn darum geht es immer: die Angst nicht zu bekämpfen, nicht vor ihr zu erstarren und auch nicht vor ihr zu fliehen. Berater können dabei helfen, die nötige Stabilität zu erfahren. Ehepartner oder Eltern können signalisieren: „Ich renne nicht weg, ich halte es aus.“ So vermitteln sie Vertrauen und Sicherheit für die nötige Konfrontation. Auch bestimmte Räume und Orte sind hilfreich, in denen man sich wohlfühlt.

Die Angst zu Ende denken

Aber was kommt dann? Der nächste Schritt, den Cornelia Mack geht, sieht so aus: Wer die Angst erkennt und sie zulässt, der kann sie auch zu Ende denken. Meistens, glaubt Cornelia Mack, landet man dann bei der Angst vor Ausgrenzung, vor Versagen oder vor dem kompletten Scheitern und damit letztlich bei der Angst vor dem Tod. Und wer auf diese letzte existenzielle Angst eine Antwort findet, der findet auch Antworten auf die vorletzten Ängste, davon ist die Autorin und Beraterin überzeugt.
Kann die Familie da helfen? „Ja. Wir leben natürlich auch von den Antworten, die andere gefunden haben“, sagt Cornelia Mack. Wo Menschen für sich etwas als Modell erleben, könne das hilfreich sein. „Das ist das Wesensmerkmal von Gemeinschaft“, sagt Cornelia Mack. Als Mutter war es ihr daher immer wichtig, den Tod nicht zu tabuisieren. „Denn wenn ich da keine Antworten habe, habe ich auch auf andere Fragen keine Antworten.“

Solche Themen dürften nicht ausgeklammert  werden, sonst gewinnen sie an Macht, ist die Sozialpädagogin überzeugt. Wenn sie daher mit ihren Kindern Lieder gesungen habe, dann habe sie nie die Strophen weggelassen, in denen es um Tod und Sterben ging.

Und ihre Antwort auf den Tod? „Ich bin im Tod gehalten, dies ist nicht alles“, sagt sie und fügt hinzu: „Wir sind zur Ewigkeit berufen.“ Cornelia Mack ist sicher, dass es tröstend sein kann, so eine Perspektive zu haben. Die Seele komme dann zur Ruhe und finde Trost. Natürlich weiß sie, dass die Auseinandersetzung mit dem Tod erstmal verunsichere. Aber zugleich wachse daraus Stabilität. „Die Fundamente werden tiefer gelegt“, sagt sie.

Für sie als Christin heißt das auch: „Nicht die Angst zum Freund machen, sondern denjenigen, der die Angst vor dem Tod besiegt hat: Christus.“ Die Wege zu dieser Gewissheit sind aber genauso individuell wie auch die psychologischen und medizinischen Behandlungsmethoden von Störungen unterschiedlich sind.

Beim Blick auf die Angst kann einem schwindelig werden. Foto: lichtkunst.73_pixelio

Was die Gewissheit im Glauben betrifft, könne für den einen ein Bibelwort hilfreich sein, für den anderen sind es bestimmte Bilder. „Da gibt es kein allgemeines Rezept“, sagt die 60-Jährige. Entscheidend sei, dass eine Bewegung auf Gott zu beginne. Denn „Gott will eine Ich-Du-Beziehung haben“, sagt sie. Angst könne da schon wie eine Art Katalysator wirken. Überhaupt bringen einen Emotionen Gott näher. Jeder dürfe Gefühle vor Gott zulassen. Der Schlüssel zum Umgang mit der Angst ist ja gerade die Zusage von Gottes Nähe.

Auf diesem suchenden Weg gelte es Antworten auf folgende Fragen zu entdecken: Wann und wo werde ich empfänglich für etwas, was mir gut tut? Was braucht meine Seele? Was ist meine tiefste Sehnsucht? „Und das kann dann Musik sein, ein Bild, ein Wort,  oder einfach nur nichts – also einfach nur zur Ruhe kommen“, hat Cornelia Mack erlebt.

Will man die verschiedenen Ansätze und Methoden der Angstbewältigung, das Buch anspricht, auf eine Grundlinie bringen, würde sie ungefähr so aussehen: Zunächst gelte es, die Angst zuzulassen, sie anzuschauen und zu analysieren, auch auf ihre letzte Angst hin, die Angst vor dem Tod. Und dann stelle sich die Frage: Was habe ich, was stärker ist als diese Angst? Welche inneren Bilder helfen mir da? Dabei ist nach Cornelia Macks Erfahrung das Zulassen der schwierigste Schritt, weil er oft in Verbindung steht mit Schwächen oder Schuldgefühlen.

Und was hilft ihr selbst? „In mir leben Bilder der Ewigkeit“, sagt sie. Was ihr auch helfe: In ihrem Arbeitszimmer habe sie einen Gebetsort. Dieses Bild trage sie in ihrem Inneren. Cornelia Mack ist sicher: „Vielen Menschen hilft es, wenn sie sich einen guten Gedanken holen können, um mit einer Situation besser umgehen zu können.“ Ein wichtiger Satz aus ihrem Buch lautet: „Wir brauchen keine Angst vor der Angst zu haben.“




Buchtipp

Cornelia Mack hat Sozialpädagogik mit Schwerpunkt Psychiatrie studiert und ist eine in der Württembergischen Landeskirche bekannte Referentin und Autorin.

Cornelia Mack

In ihrem Buch beschreibt die 60-Jährige unterschiedliche Formen der Angst, die Muster, die dahinter stecken, und bietet Lösungsansätze an, wie man Signale der Angst deutet, und wie Angst entmachtet und verwandelt werden kann.

Cornelia Mack: Angst verstehen, entmachten, verwandeln.
SCM Hänssler 2015, 202 Seiten, 14,95 Euro. ISBN 978-3-7751-5658-5.

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