Das leere Nest gemütlich machen

Felicitas Römer hat Literaturwissenschaft und Soziologie studiert. Sie ist freie Journalistin und arbeitet als systemische Familienberaterin mit den Schwerpunkten Familie und Erziehung. Die Mutter von vier Kindern lebt in Hamburg. Sie hat viele Fachbücher publiziert, darunter „Ausgeflogen - Wie Sie es sich im leeren Nest wieder gemütlich machen.“

Wie wird das leere Nest wieder gemütlich? Foto: Siegmar-Kähne_pixelio

Wie kamen Sie auf die Idee, über dieses Thema ein Buch zu schreiben?

Felicitas Römer: Ich begleite in meiner Beratung öfter mal Mütter durch diese Phase und weiß ja auch aus eigener Erfahrung, wie einschneidend der Auszug eines Kindes ist. Ich habe gemerkt, dass es zu wenig Literatur zu diesem Thema gibt. Vor allem fehlte mir ein Buch, das die Gefühle der Eltern aufgreift und ernst nimmt, und das mit hilfreichen Tipps über diverse Klippen hinweghilft. Da habe ich es eben selbst geschrieben.

Warum fällt es Eltern so schwer ihre Kinder ziehen zu lassen?

Felicitas Römer: Weil es sich zunächst wie ein Verlust anfühlt. Es ist eine bestimmte Form des Abschiedsnehmens: Eine Ära ist vorbei, die Rolle der Eltern verändert sich, man ist nicht mehr der wichtigste Ansprechpartner. Außerdem war das Leben lange um die Kinder herum arrangiert, man hat für sie mitgedacht und geplant. Plötzlich kauft man nur noch Lebensmittel, die man selber mag, und das ehemalige Kinderzimmer ist gähnend leer. Das ist eine riesige Umstellung auf vielen Ebenen, mit der man erstmal klarkommen muss.


Felicitas Römer will Eltern helfen. Foto: privat

Wie erklärt man den Müttern  und Vätern, dass dieses Gefühls-Karussell normal ist?

Felicitas Römer: Indem man Verständnis zeigt und nicht wertet. Eltern haben ein Recht auf ihre Gefühle, auch wenn ihre Umgebung mit Sprüchen kommt wie „Tja, das ist eben der Lauf der Zeit“. Und wenn sie sich selbst erlauben, zu trauern, dann kommt auch schneller so etwas wie Freude, Erleichterung und Stolz: „Ich habe es geschafft. Mein Kind geht seinen Weg!“ Das ist eine erleichternde Erkenntnis. Mit diesem positiven Gefühl kann man dann wieder zuversichtlich in die nächste Lebensphase eintreten.

Hat sich Ihrer Meinung nach in den letzten Jahrzehnten etwas bei dem Abnabelungs-Prozess verändert?


Felicitas Römer: Die jungen Erwachsenen sind meiner Beobachtung zufolge anhänglicher geworden und ziehen zögerlicher oder später aus. Das kann daran liegen, dass sich unsere Erziehung verändert hat und die Jugendlichen zu Hause viel mehr Freiraum und Mitbestimmungsrechte haben als die Teenager unserer Generation. Manchmal liegt es aber auch an finanziellen Problemen, weil die Mieten in den Städten sehr hoch sind, oder daran, dass der passende Ausbildungs- und Studienplatz noch nicht in Aussicht ist. Und etwas seltener schaffen die jungen Erwachsenen den Absprung nicht so recht, weil sie von diversen Ängsten geplagt sind und/oder die Eltern sie unbewusst noch an sich binden.

Welchen Ratschlag haben Sie für Mütter oder Väter die nicht loslassen können?


Felicitas Römer: Diese Eltern sollten sich überlegen, was ihnen solche Sorge bereitet. Ist es eine Sorge um das Kind? Ist diese berechtigt? Oft sind diese Ängste jedoch Projektionen: Wenn jemand in seiner eigenen Jugend unter Depressionen oder inneren Nöten litt, fürchtet man nahezu „automatisch“, dass es dem eigenen Kind auch so gehen könnte und wird diesbezüglich übersensibel. Dann gilt es, sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, wenn nötig auch in einer Psychotherapie.

Es kann aber auch sein, dass Eltern das eigene Leben als unbefriedigend erleben und Eltern deshalb an dem Kind „klammern“, etwa wenn der Job stressig und die Ehe langweilig geworden ist. Dann müssten sie an den Stellschrauben „Job“ und „Ehe“ etwas drehen und sich besser um ihr eigenes Wohlbefinden kümmern.

Wie kann man vermeiden, dass es zwischen Eltern und Kindern zum endgültigen Bruch kommt?


Felicitas Römer: Das kann man so pauschal schlecht beantworten. Auf jeden Fall sollte man sich möglichst wenig einmischen und sich auch mit Kommentaren und Bewertungen öfter mal zurückhalten. Respekt und Mitgefühl sind im Umgang mit erwachsenen Kindern besonders wichtig, Eltern sollten ihnen unbedingt auf Augenhöhe begegnen. Je weniger Druck und Kontrolle die Eltern ausüben, umso besser. Freundliches Interesse zu zeigen ist jedoch natürlich in Ordnung und wird von den jungen Erwachsenen oft positiv zur Kenntnis genommen.

Wie kann man der Sprachlosigkeit zwischen den Ehepartner entgegen treten?


Felicitas Römer: Sprachlosigkeit in der Ehe ist ein schwieriges Thema. Meistens ist es ja ein Partner, der den Dialog verweigert. Dann muss man herausfinden, warum das so ist. Wo sitzen Ängste, Wut und (alte) Verletzungen? Welche Konflikte wurden nicht ausreichend bearbeitet? Wie steht es um das Vertrauen und die Lust, sich wieder aufeinander einzulassen?

Außerdem sollte man die gewohnten Kommunikationsmuster und die Lupe nehmen: Mache ich viele Vorwürfe? Dann ist es vielleicht kein Wunder, dass der Partner nicht mehr mit mir reden möchte.

Wann sollten Ehepaare Hilfe von außen, z. B. einer Eheberatung annehmen?


Felicitas Römer: Wenn sie allein nicht mehr weiterkommen, immer wieder dieselben Streitereien führen, ohne dafür eine Lösung zu finden oder einer von beiden sehr frustriert ist. In all diesen Fällen ist es sinnvoll, wenn beide Partner etwas für sich und die Ehe tun.

Sie haben vier Kinder. Wie haben Sie diese Zeit der Loslösung empfunden?


Felicitas Römer: Gefühls-Karussell par excellence. Bei jedem Kind wieder. Einerseits Glücksgefühle darüber, dass es nun guten Mutes in die Welt zieht. Andererseits auch Trauer über das definitive Ende eines Zeitabschnitts. Und auch große Dankbarkeit dafür, dass ich diesen Menschen eine Weile lang begleiten durfte.

Ist man als „Fachfrau“ besser darauf vorbereitet?


Felicitas Römer: Höchstens insofern, als dass ich mir keine Sorgen darüber mache, dass meine Gefühle vielleicht unnormal sein könnten. Ich kann daher recht nachsichtig mit mir sein. Die Gefühle an sich sind aber trotzdem genauso intensiv wie bei allen anderen Müttern, da nutzt einem das Fachwissen nicht viel. Und das ist auch gut so!


Buchtipp

Das Buch „Ausgeflogen - Wie Sie es sich im leeren Nest wieder gemütlich machen.“ von Felicitas Römer ist im Patmos-Verlag 2012 erschienen und kostet 14,90 Euro. ISBN 978-3-8436-0147-4

 

 

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