Die kleinen Schritte gegen den Stress

Egal, welche Zeitschrift Eltern heute aufschlagen: Ihnen wird erzählt, wie sie Stress vermeiden können und sich endlich mal entspannen können, vom Beruf, von der Familie, vom Leistungsdruck der Gesellschaft. Aber auch die Suche nach Entspannung kann in Stress ausarten.

So fühlen sich viele Menschen. Das muss nicht sein. Foto: Wolfgang-Pfensig_pixelio

„Stress ist für mich, wenn ich zu viele Dinge gleichzeitig und unter hohem Zeitdruck auf die Reihe bekommen muss“, sagt Karin H. Ergeben sich diese „Dinge“ spontan, ohne dass man sie vorher planen konnte, verstärkt es bei ihr das Stressgefühl. Auch Anja B. gerät immer dann in Stress, wenn sie das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren. Wenn im Büro nicht drei, sondern auf einmal fünf bis zehn wichtige Aufgaben zu bewältigen sind, die Mitarbeiter ihren Rat und ihre Zeit brauchen und gleichzeitig die Familie nicht kurz kommen soll – dann droht bei Anja B. der Kontrollverlust über die Situation und in der Folge Stress.

Davon kann auch Hildegard E. ein Lied singen. Wenn die halbtags berufstätige Mutter dreier Kinder nach der Arbeit nach Hause hetzt, empfängt sie in der Regel das Frühstücksgeschirr, das noch auf dem Tisch steht. Eigentlich möchte sie jetzt nur einen Moment „durchschnaufen“, aber das knappe Zeitfenster von 30 Minuten, das ihr zur Verfügung steht, um für die Kinder ein vernünftiges und gesundes Mittagessen zu zaubern, lässt dies nicht zu. Bei Hildegard E. steigt in dieser Situation regelmäßig der Stresspegel.

Eine kleine unrepräsentative Umfrage im Freundinnenkreis. Alle Akademikerinnen zwischen Mitte 40 und 50, verheiratet, Kinder. Das Gefühl, zu viel in einem engen Zeitfenster erledigen zu müssen, kennen alle. Das Gefühl des Kontrollverlustes über die Situation vermutlich auch. Es sind allseits bekannte und häufige Stressquellen. Dennoch empfindet jeder Mensch Stress anders. Ob eine Situation als stressig bewertet wird, ist individuell ganz verschieden. Der eine nimmt eine Situation als negativ wahr, fühlt sich überfordert und gerät in Stress; der andere überhaupt nicht.

Der ganz normale Wahnsinn ist kein Stress

So empfindet Bärbel S. den „normalen Alltagswahnsinn“ nicht als Stress. Dabei helfen ihr ihre „inneren Listen“, mit deren Hilfe sie das Unaufschiebbare und wirklich Wichtige von dem trennt, was warten oder unter Umständen ganz entfallen kann. Diese Strategie hilft ihr, alltägliche Situationen im Job, im Haushalt und in der Familie erst gar nicht als Stresssituation zu empfinden. Eine vernünftige Prioritätensetzung sowie ein effektives Zeitmanagement mit der Festlegung von Hauptaufgaben und Fixzeiten sind sicherlich ein probates Mittel zur Stressreduzierung.  

Viele Ursachen, ein Ergebnis: Stress. Foto: maninou_pixelio

Prinzipiell kann jede Situation Stress auslösen. Wie viel Stress man jedoch tatsächlich empfindet, hängt ab vom Unterschied zwischen den Anforderungen einer Situation und der individuellen Wahrnehmung davon, wie gut man mit der Situation umgehen kann. Sobald eine Situation die eigenen Bewältigungsstrategien zu überfordern droht, gerät man in Stress. Nicht die Situation als solche ist daher entscheidend, sondern die subjektive Wahrnehmung der Situation, ihrer Erfordernisse und der eigenen Fähigkeiten, damit umzugehen. Je gelassener man eine Situation sieht und je souveräner man sich selbst einschätzt, mit potentiellen Störfaktoren umzugehen, desto weniger wird man in Stress geraten.

Wie sieht das eigene Bewertungsmuster aus?

Das ist – wie immer - leichter gesagt als getan. Gegen Stress bzw. die Tatsache, dass man bestimmte Situationen als Stress wahrnimmt, gibt es kein Patentrezept. Aber es lohnt sich, eine individuelle Anti-Stress-Strategie zu entwickeln. Wenn die eigene Einschätzung der Situation und die eigenen Bewältigungskompetenzen ausschlaggebend sind für das Maß an Stressempfinden, dann ist es folgerichtig, am eigenen Bewertungsmuster anzusetzen.

So fördert etwa der eigene Perfektionismus eine Einstellung, die in der Folge Situationen als Stress wahrnimmt. „Wenn ich versuche, allen gerecht zu werden: meinen Kindern, mir selber, meinem Mann, meinen Geschwistern, Eltern, Freunden und Kollegen, und das oft einfach nicht hinkriege, ist das für mich Stress“,  beschreibt Hildegard E. dieses Phänomen. Der hohe (oder zu hohe) Anspruch an sich selber führt – sicherlich nicht nur bei ihr - zu einer Einstellung, die Stress produziert. 

Wenn Stresssituationen im zwischenmenschlichen Bereich entstehen, wird dies häufig als besonders belastend empfunden. Da hilft es auch nicht, sich in Erinnerung zu rufen, dass  Stress eigentlich eine natürliche Abwehrreaktion des menschlichen Organismus ist auf alles, was individuell als Anforderung, als Bedrohung oder als Schaden bewertet wird. Wenn es Konflikte mit den Arbeitskollegen oder dem Partner gibt, kann dies als negativer Stress wahrgenommen werden, der einen rasch überfordert. Eine sensible Phase in jeder Partnerschaft ist beispielsweise der Zeitpunkt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und man sich als Paar auf sich selber zurückbesinnen muss.

Eigene Position bestimmen

Es gilt, die eigene Position in der Beziehung neu zu bestimmen, sich auf die Partnerschaft als solches neu einzulassen. Bärbel S. etwa möchte in dieser Phase viele eingefahrene Muster zwischen sich und ihrem Mann ändern, was bislang bei diesem auf wenig Verständnis stößt, der eigentlich möchte, dass „alles so bleibt wie es ist“. Dazu kommt, dass sie sich häufig über sich selber ärgert,  wenn sie wieder einmal den Wünschen ihres Mannes nachgegeben und eigene Interessen zurückgestellt hat. Diese Situation beschreibt Bärbel S. als eine für sie typische Stresssituation. Bei ihr erhöht sich sofort die Stressempfänglichkeit, wenn folgende Faktoren zusammentreffen: eine neue, unbekannte Situation sowie das Gefühl von Ohnmacht und Hilfslosigkeit.

 

 

Literatur zum Thema:

Peter Buchenau: Der Anti-Stress-Trainer. 10 humorvolle Soforttipps für mehr Gelassenheit, 2. Auflage Wiesbaden 2014

Allen Elkin: Stressmanagement für Dummies. Das Pocketbuch, Weinheim 2009

Gert Kaluza: Gelassen und sicher im Stress. Das Stresskompetenz-Buch. Stress erkennen, verstehen, bewältigen, 5. korrigierte Auflage Berlin/Heidelberg 2014

Doris Kirch: Handbuch Stressbewältigung. Lernen Sie in fünf Schritten, den Tiger zu zähmen. Mit Audio-CD. 2. Aufl. Murnau a. Staffelsee 2011

Jörg Knoblauch/Holger Wöltje u.a.: http://www.evangelisches-gemeindeblatt.de/shop/products/detail/buchtipps-des-gemeindeblattes/1508/Zeitmanagement, 2., ergänzte Auflage Freiburg 2012

Lothar Seiwert: Das neue 1x1 des Zeitmanagements, 36. Auflage München 2014

Lothar Seiwert: Noch mehr Zeit für das Wesentliche: Zeitmanagement neu entdecken,  München 2009

Angelika Wagner-Link: Aktive Entspannung und Stressbewältigung. Wirksame Methoden für Vielbeschäftigte, 7. Auflage Renningen 2013

 

Leseurlaub für Ihren Sommer von Uwe Metz

 

 

 

 

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