„Ich sag lieber Ja, aber warum?“

Ich gebe es zu: Wenn einer mich um Hilfe bittet, sage ich lieber Ja als Nein. Damit gehöre ich übrigens zu einer großen Mehrheit: 81% aller Teilnehmer einer 2012 in Deutschland durchgeführten Umfrage bekannten, dass es ihnen genauso gehe.

Ein NEin kann mehr Ruhe ins Leben bringen. Foto: twinlili_pixelio


Weil wir so pflichtbewusst sind oder „das Mutter-Theresa-Gen haben“, wie eine Freundin es nennt? Nicht nur, schreibt Lothar Seiwert in seinem Bestseller „Das 1x1 des Zeitmanagement“* – oft spielen eher Bequemlichkeit, Angst vor Konflikten oder die Sehnsucht nach Anerkennung eine Rolle. Das klingt nicht sehr sympathisch. Zudem verweist Seiwert auf eine amerikanische Studie, die zeigte, dass die besonders aufopferungsbereiten Mitglieder einer Gruppe keinesfalls die beliebtesten oder gar erfolgreichsten waren. Im Gegenteil.

Reflexartiges Nicken?

Die Ursachen der eigenen Neigung zum reflexartigen Nicken zu erkennen, ist ein guter erster Schritt in die andere Richtung. Bei mir war es zum einen die Rolle in der Herkunftsfamilie – ich war das klassische „Erstkind“, die Vernünftige, während mein Schwesterchen die Rebellin gab. Ein altes Muster, also. Zum anderen gibt es Berufe, die zum übergroßen Einsatz verführen – meiner, der Journalismus, gehört dazu. Dankbar, meinen Weg in die heiß umkämpfte Medienwelt gefunden zu haben, meinte ich: Ich muss jeden Auftrag annehmen! Später sagte ich Ja zu einer Familie mit drei Kindern. Die liebevolle, christliche Mutter, bekam ich von vielen mit, stellt sich selbst hintan.

Aber durch meine Kinder entdeckte ich auch, dass es überlebenswichtige Neins gibt. Wer dem Kleinkind keine Grenzen setzt, bringt es in Gefahr. Außerdem: Später, in Schule und Beruf, brät verwöhnten Prinzen und Prinzesschen niemand eine Extrawurst. Besser, die Eltern erziehen ihre Kleinen von vornherein zur Rücksichtnahme. Auch müssen Eltern zu manchem Ehrenamt, manchem Job Nein sagen, erkannte ich irgendwann, am Rande des Nervenzusammenbruchs. Denn wenn Mama oder Papa ausfällt – wer kümmert sich dann um die Familie?

Einfach mal sagen: Einfahrt verboten - das kann ein Segen sein. Foto: Martin-Jäger_pixelio

Ich zog die Reißleine. Gönnte mir Auszeiten – hier etwas Sport, dort Entspannung. Las kluge Bücher wie das von Seiwert. Und mache gelegentlich Coachings –  kürzlich erst ein „Online-Training zur Lebenskunst“. Dessen Leiterin, Janina Linten, beendet gerade ihr Psychologiestudium und ist in Ausbildung zur systemischen Beraterin. „Mit den Erkenntnissen und praktischen Tipps von Seiwert arbeite ich viel“, sagt sie, „und ich ermutige jeden Teilnehmer und jede Teilnehmerin, sich ihr  ,Zielbild‘ genau auszumalen, um dies dann voller Vertrauen in die eigenen Stärken und Kräfte umzusetzen.“

Allen, die zu oft Ja sagen, empfiehlt Linten, sich die folgenden Fragen zu stellen:

  • Angenommen, du würdest Nein sagen, wenn dir danach ist: Wie sähe das aus?
  • Woran würdest du merken, dass du Nein gesagt hast? Was würden andere an dir bemerken?
  • Wann in der Vergangenheit hast du es bereits geschafft, Nein zu sagen – und wie hast du das geschafft?
  • Mit Blick auf das, was funktioniert (oder funktioniert hat): Was könnte der erste, kleinste Schritt sein, um deiner Vorstellung vom Nein sagen näher zu kommen?

„Nein“, sagte ich zu einem Artikel, den ich hätte schreiben sollen, als ich bereits drei Aufträge auf dem Tisch liegen hatte. „Jetzt bitte nicht“, antwortete ich, als ein Freund sich am Telefon bei mir über Politiker ausschimpfen wollte und ich müde war. In der Stadt, als meine Töchter teure Kosmetik haben wollten und drei Bettler hintereinander Geld, schüttelte ich den Kopf.

Nein sagen macht manchmal Muskelkater

Inzwischen weiß ich: Wer zu Mitmenschen, die Zuhörer brauchen, manchmal Nein sagt, bei dem ziehen einige sich zurück. Aber waren das echte Freunde? Ich denke nicht. Meine beruflichen Auftraggeber kommen immer noch gern auf mich zu. Und mit dem Geld, das ich der Kosmetikindustrie und manchem Bettler vorenthalte, unterstütze ich Projekte, deren Initiatoren ich vertraue. Aktuell einen Schwimmkurs für Flüchtlinge. Toll, sagen die Töchter.
 
Klar ist: Ich gehöre zu den Menschen, die Neinsagen als unnatürlich empfinden. Ein schlechtes Gewissen plagt mich bei jeder Absage. Aber das nehme ich inzwischen so hin wie den Muskelkater nach einem intensiven Sportprogramm.

Buchtipp:

Lothar Seiwert: Das 1x1 des Zeitmanagement. 2. Auflage, 2014.
Gräfe und Unzer Verlag, 96 Seiten, 12,99 Euro.

ISBN: 978-3833838590

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