Kümmer-Jahre sind keine Verkümmerungs-Jahre!

Erziehnungs- und Haushaltsjahre sind keine verschenkten Jahre, auch wenn die Wirtschaft und die Gesellschft dies manchmal suggeriert. Ganz im Gegenteil. Ein paar Argumente fürs Daheimbleiben.

Sorge dich nicht, lebe, könnte man hier sagen. Foto: Helene Souza_pixelio.de

Karlsruhe, 1990: „Was ist Ihr Beruf?“, fragt der Personalchef die 47-jährige Bewerberin. Diese lächelt und legt los: „Ich bin Lehrerin, Erzieherin, Köchin, Ärztin, Einkäuferin, Eventmanagerin, Gärtnerin, Chauffeurin …“ Tatsächlich hat sie seit zehn Jahren kein Geld verdient, der drei Kinder wegen (die Autorin ist das älteste davon). Den Teilzeitjob in der Versicherungsbranche erhält sie dennoch.

Donauwörth, 2005: „Was ist Ihr Beruf?“, fragt der Sachbearbeiter im Arbeitsamt die 45-jährige Bewerberin, eine Freundin der Autorin. „Gelernt habe ich Erzieherin, zuletzt gearbeitet als Bürokauffrau und Verkäuferin, und die letzten fünf Jahre habe ich meine beiden Kinder erzogen“, teilt sie mit.  „Dann sind Sie also gar nichts“, stellt der Berufsberater klar. 

Die vielen MIssverständnisse

Hausfrauen und –männern sagt man ja gerne nach, dass sie verkümmern. Nun, offenbar hat in den letzten Jahrzehnten eher der IQ mancher Berufsberater, Arbeitgeber und auch Politiker Schaden genommen. Wird eine Erzieherin durch das Erziehen eigener Kinder etwa nicht kompetenter? Und wer ein Gehalt über Jahre so verwaltet, dass eine ganze Familie davon satt wird – ist der nicht kaufmännisch fitter als ein Berufseinsteiger?

Merkwürdig auch: Junge Eltern, die ihre Kleinkinder tagsüber bei der Oma parken, ins Büro entschwinden und sich abends über Vollzeiteltern auslassen: „Die sitzen nur zuhause rum.“ Sitzen? Sagt die Oma ihnen denn nicht, wie oft sie den Tag über ihren Enkeln nachrannte? 

Klarer Fall: Zwischen Erwerbstätigen und Vollzeithausfrauen und –männern gibt es aktuell zu wenige offene Gespräche. Zu viel Stress auf beiden Seiten. Nur so ist zu erklären, dass Personalverantwortliche und Arbeitsamt-Profis nicht wissen, dass

 

  • zahlreiche Eltern länger mit der Karriere pausieren, weil sie infektanfällige oder chronisch kranke Kinder betreuen und/oder Alte pflegen – was ihnen ein Top-Medizinwissen einbringt
  • viele daheim bleiben, weil sie alles, was sie tun, mit ganzem Herzen tun – nach der Familienphase können sie mit ihrer Genauigkeit und Hingabe jede Firma voranbringen.
  • die, die vor 20, 15 oder 10 Jahren der Kinder wegen zuhause blieben, oft einfach keine Alternative sahen – da Krippen und Ganztagsschulen einerseits, Teilzeitjobs und Homeoffice andererseits Mangelware waren. Mit Bildungswille und Fleiß arbeiten sie sich schnell wieder ein – wenn man sie nur lässt!

In einigen Bereichen tut sich etwas, so gibt es zum Beispiel verkürzte Ausbildungen zur Erzieherin speziell für Wiedereinsteigerinnen, die eigene Kinder erzogen haben. In einigen Unternehmen klappt auch – oft über Zeitarbeit oder Krankheitsvertretungen – der Sprung zurück in die Festanstellung. Viele ehemalige Hausfrauen und –männer, die jetzt Zeit für und Lust auf Karriere haben, gehen den Unternehmen jedoch für immer verloren. Sie qualifizieren sich weiter und machen sich selbständig. Als Heilpraktikerin oder Business-Coach, Ernährungsberater, Leitung einer Nachhilfeschule oder Taxifahrer können sie die Talente, die sie als Familienmanager schon auslebten, einbringen.

Und die oben zitierte Mutter, die vom Berufsberater ein „Nichts“ genannt wurde? Sie verdient ihr Geld inzwischen als Sprachdozentin und Stadtführerin und schreibt einen Roman.


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