Wenn Kinder flügge werden

Über kurz oder lang stehen alle Eltern irgendwann vor dem gleichen Problem: die Kinder haben endlich die Pubertät überwunden, alle atmen auf, dann kommt der nächste umwälzende Akt; die Kinder werden flügge. Und nun?

Wenn die Volljährigkeit kommt, zieht es den Nachwuchs in die Welt. Foto: S.-Hofschlaeger_pixelio

Der erste Gedanke der Eltern: herrlich, endlich wieder traute Zweisamkeit nach jahrzehntelanger Kinderbetreuung, Windeln wechseln, Schulprobleme und Zickenalarm. Doch wie sieht die Realität aus.
Angelika drückte es so aus: „Ich hatte immer Angst, dass meine Jüngste irgendwann auszieht. Als mein Großer ausgezogen war, hatte ich ja noch die Kleine. Doch dann merkte ich, dass ich mich sogar darauf freute, nach Jahren der Verantwortung und Betreuung, wieder an mich denken zu dürfen. Und sofort bekam ich ein schlechtes Gewissen. Ich stellte mir die Frage, ob das normal sei.“

"Heimlich weinte ich sogar."

Brigitte erklärt: „Ich war so unglaublich stolz, als meine Tochter einen Studienplatz in der zweihundert Kilometer entfernten Stadt bekam. Aber als dann der Auszug bevor stand, machte ich mir unheimlich viele Sorgen. Schaffte sie es alleine und welche Gefahren warteten in der großen Stadt auf sie. Heimlich weinte ich sogar.“ Trost bekommen diese Frauen dann oft bei Gleichgesinnten, die dieses Gefühls-Karussell gut kennen. Einerseits ist die Aussicht auf die „neue Freiheit“ sehr verlockend, andererseits kommt die Angst vor dem leeren Haus.  

Wenn die Ferne lockt ... Foto: Andreas Hilbeck_pixelio.de

Wie verkraften die Väter diesen Schritt, haben sie weniger Probleme damit? Tatsächlich sind es häufiger die Mütter, die damit zu kämpfen haben, weil sie häufiger die engere Bindung haben oder sich über das Mütter-sein identifizieren. Mit diesem Thema hat sich Felicitas Römer, die systemische Familienberaterin und freie Journalistin,  in dem Buch „Ausgeflogen - Wie Sie es sich im leeren Nest wieder gemütlich machen“ beschäftigt. Sie schreibt, dass es jedoch auch Männer gibt, denen der Auszug der flügge gewordenen Kindern schwer fällt. Sie fürchten, keinen Einfluss mehr auf sie nehmen zu können und fallen dann mit Tipps und Ratschlägen über ihre Kinder her. Oft verspätet und nervig für die jungen Erwachsenen, die mit der plötzlich überschäumenden Sorge des Vaters nicht so recht etwas anfangen können.

Was passiert mit der Partnerschaft?

Zu den Sorgen, „Schafft es unser Kind auch ohne uns?“, kommt noch ein weiterer neuer Aspekt, den viele im ersten Moment gar nicht sehen. Was passiert mit der Partnerschaft? Jahrelang gab es Freizeit- und Urlaubsgestaltung nur gemeinsam mit den Kindern. Geredet wurde zwar viel in der Ehe, meistens jedoch nur über die Kinder und deren Erziehung. Dann kommt die Leere und die Folge ist eine steigende Scheidungsrate. Viele Ehepaare haben sich nichts mehr zu sagen. Als Eltern war man ein eingespieltes Team. Wenn dann keine gemeinsame Hobbys und Freunde, Reisen oder Sport das Paar verbindet, kommt es häufig zum endgültigen Bruch.

Gabriele und Thomas erzählen: „Wir dachten, uns kann so schnell nichts mehr erschüttern. Wir hatten die schwere Zeit mit unserem Sohn, der an Legasthenie leidet, gut überstanden. Der Fahrradunfall unserer Tochter, der einen langen Reha-Aufenthalt nach sich zog, hatten wir auch gemeinsam gemeistert. Und dann wäre unsere Ehe fast an unserer Sprachlosigkeit nach dem Auszug der beiden  Kinder gescheitert.“

Eine heilsame Wirkung in dieser schwierigen Situation, kann es haben, wenn man sich dann mit Eltern, die diese umwälzende Zeit bereits hinter sich gelassen haben, unterhält. Brigitte erzählt öfters im Freundeskreis: „Als unser letzter Sohn auszog, fiel uns erstmal die Decke auf den Kopf. Aber dann haben sich Jürgen und ich zusammengesetzt und tagelang über unser neues Leben diskutiert. Jürgen hatte dann auch die Idee, die positiven neuen Möglichkeiten auf einen Block zu schreiben. Unglaublich, wie lange diese Liste wurde. Und einen Großteil haben wir dann auch tatsächlich umgesetzt. Ich habe nun endlich Zeit den Spanisch-Kurs zu besuchen und Jürgen leitet eine Jugend-Fußballgruppe. Wir fahren nun auch öfters spontan übers Wochenende weg.“ 

Wenn Ihnen auch der Abschied schwer fällt, dann lesen Sie die Übersetzung von dem Song BUTTERFLY FLY AWAY von Miley Cyrus. Darin heißt es unter anderem:

Du deckst mich zu, machst das Licht aus.
Hältst mich sicher und gesund in der Nacht.
Kleine Mädchen hängen an solchen Dingen……
Schmetterling, flieg davon!
Du hast auf diesen Tag gewartet,
die ganze Zeit, und weißt was zu tun ist.

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