"90 Prozent aller Partnerschaften lassen sich verbessern"

Eine Trennung müsste manchmal nicht sein. Einige Gründe lassen sich aufarbeiten - zumal sie beim nächsten partner wiederkehren. Der Psychotherapeut Wolfgang Krüger plädiert für Beziehungsarbeit.

Gebrochene Herzen müssen nicht sein. Foto: meltis_pixelio

Herr Dr. Krüger, werfen Paare heutzutage ihre Beziehung zu leichtfertig weg?

Wolfgang Krüger: 80 Prozent aller Deutschen sind tatsächlich der Meinung, dass wir uns zu früh trennen. Auf den zweiten Blick zeigt sich, dass sich die meisten Paare erst nach einer langen Zeit des Leidens und der Entfremdung trennen. In dieser Phase, die mindestens zwei Jahre dauert, gibt es kaum noch innige Gespräche, Zärtlichkeiten, Küsse oder Erotik.

Wie kommt es Ihrer Erfahrung nach zur Entfremdung?

Wolfgang Krüger: Zu Beginn der Zweisamkeit finden wir das, was den anderen von uns unterscheidet, spannend. Irgendwann schlägt das um. Ein Beispiel: Die Frau fühlt sich dadurch gekränkt, dass der Mann weniger redet, sich zurückzieht. Eine Umfrage von mir zeigte: 72 Prozent der Frauen wollen den Mann ändern, 90 Prozent der Partner lehnen dies ab. Im Idealfall reifen Mann und Frau mit dem Älterwerden und beide erkennen an, dass jeder Mensch schwierig ist, also auch man selbst. Dann nehmen sie die Eigenheiten des Partners mit Humor. Faktoren wie eine schwierige Kindheit oder Belastungssituationen führen aber oft dazu, dass einer von beiden leidet und dem anderen zunehmend Vorwürfe macht. Der zieht sich weiter zurück oder kontert. Jeder Partner sammelt beim anderen immer mehr Minuspunkte. Schließlich trennt sich der aktivere Teil, weil die Beziehung unerträglich wurde.

Was könnte der aktivere Teil stattdessen tun?

Wolfgang Krüger: Meine Untersuchungen und Erfahrungen zeigen: 90 Prozent aller Partnerschaften lassen sich verbessern, wenn wir uns selbst verändern, statt darauf zu warten und zu drängen, dass der andere sich endlich ändert. Diese passive Haltung nenne ich die Ohnmachtsfalle. Also: Wer unzufrieden ist, muss selbst lebendiger, expansiver, selbständiger werden – dann kann sich die ganze Beziehung zum Guten wenden.

Wie kann das funktionieren? Haben Sie ein Beispiel?

Wolfgang Krüger: Stellen Sie sich eine Frau vor, 60 Jahre alt, mollig und sehr nett. Sie kocht gut und viel. Ihr Mann zeigt kein Interesse mehr daran, mit ihr zu schlafen, stattdessen macht er ständig Sport. Sie bekocht ihn immer raffinierter, in der Hoffnung, dass sie so wieder begehrenswert für ihn wird. Vergeblich. Um für ihren Mann als Frau attraktiv zu werden, zeigt meine Erfahrung, sollte sie eher etwas für sich selbst tun, statt ihn weiter zu bekochen. Sie kann Sport treiben, mit Freundinnen verreisen, einen VHS-Kurs buchen …

Gilt das auch für Männer?

Wolfgang Krüger: Das gilt für alle, auch wenn es meistens die Frauen sind, die in die Paarberatung kommen  - allein oder gemeinsam mit dem Mann, den sie dazu überredet haben. Ob Mann oder Frau, Unzufriedenen empfehle ich drei Schritte:

,Schritt eins ist eine Phantasiereise, die Sie zu Ihren eigenen Wünschen bringt. Welche Interessen wollen Sie leben, welche Fähigkeiten erlernen, welche Orte bereisen? 

Schritt zwei sind Freundschaften. Freunde bewirken, dass Sie nicht zu abhängig vom Partner sind. Dank echter Freunde kann die Beziehung wieder atmen.

Schritt drei ist, dass Sie Ihre Komfortzone verlassen und sich weiterentwickeln. Dass Sie sich die Wünsche aus Ihrer Phantasiereise erfüllen, soweit möglich. Sie finden so Ihre innere Mitte und gehen eine Partnerschaft mit sich selbst ein. So beginnt ein tiefgreifender lebendiger Prozess, der Ihre Partnerschaft umfassend verändert.‘

An Beziehungen kann man arbeiten, findet Wolfgang Krüger.


Das klingt nach harter Arbeit. Manch einer wird sagen: Da suche ich mir lieber jemand Neuen, der von Anfang an zu mir passt.

Wolfgang Krüger: Das versuchen tatsächlich viele. Kaum ist die Verliebtheit jedoch abgeflaut, stoßen sie mit dem nächsten Partner auf dasselbe Problem. Rund ein Jahr nach der Trennung, zeigen Umfragen, bereuen etliche Menschen die erste Trennung erheblich.

Gibt es für Sie auch hoffnungslose Fälle? Also Paare, bei denen die Trennung unabdinglich ist?

Wolfgang Krüger: Das ist dann der Fall, wenn die innere Bindung überhaupt nicht mehr vorhanden ist. Ich sehe das oft beim ersten Gespräch: Wenn die Frau darüber redet, wie unglücklich sie ist, und der Mann zeigt kein Interesse oder lacht sogar. Wenn ein Partner bereits darauf beharrt, dass die Beziehung von Anfang an ein Irrtum war. Der sogenannte Gründungsmythos – "Wie wunderbar war es, dass wir uns getroffen haben... wir liefen stundenlang, um den anderen kurz zu sehen“ – wird geschwärzt. Die Liebe wird vollständig entwertet. Dann gibt es keine Substanz mehr, meist finden massive seelische Verletzungen statt. Bei diesen 10% aller Paare ist es besser, wenn sie fortan getrennte Wege gehen.

Manchmal gibt es keinen anderen Weg außer getrennte Wege. Foto: twinlili_pixelio


Buchtipp:

Wolfgang Krüger: Liebe ist – den ersten Schritt zu tun. Der Weg zur glücklichen Partnerschaft. Herder Verlag 2015, 14,99 Euro. ISBN: 978-3451613289

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