Die Gender-Fracht entladen

Ein Begriff stiftet beim Thema Familie zurzeit viel Verwirrung: Gender-Mainstreaming. Und Helmut Dopffel, der in der Landeskirche für Zielgruppenarbeit zuständig ist, weiß auch, warum: Es ist ein Container-Begriff geworden. Aber was heißt das nun wieder?

Hat Erklärungen für die Gender-Debatte: Kirchenrat Helmut Dopffel. Foto: Benny Ulmer

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  • Was ein Container-Begriff ist
  • Was die Gender-Forschung will
  • Wo die Konflikte sind und
  • warum man nicht alles mitmachen muss

Gender-Gaga, Gender-Wahn, Gender-Ideologie: So lauten die Kampfbegriffe, mit denen in Büchern, im Internet und in Vorträgen gegen Gender-Mainstreaming gewettert wird. Wer aber wissen will, was heute mit dem Wort „Gender“ verknüpft ist, für den lohnt es sich, auf Spurensuche zu den Anfängen zu gehen. Denn zunächst einmal bezeichnet der englische Begriff „gender“ das Geschlecht „in dem Sinne, wie Mann und Frau in der Gesellschaft auftreten“, erläutert Kirchenrat Helmut Dopffel. Es wird unterschieden zwischen „sex“, dem natürlichen Geschlecht, und „gender“, dem, was kulturell als Geschlechterrolle ausgeprägt wird – analog zur Grammatik, wo natürliches (sexus) und grammatisches Geschlecht (genus) unterschieden wird.

Daraus ergeben sich nun Gender-Studien in der Wissenschaft, die der Frage nachgehen, wie Sexualität und Geschlechteridentität kulturell überformt werden, wie Rollenverhalten und hierarchische Unterschiede entstehen. Auch in der Theologie stelle sich diese Frage, sagt Dopffel. „Das finde ich hoch spannend.“ Deshalb taucht der Begriff in kirchlichen Lexika seit etwa 15 Jahren auf, während er im Handbuch feministischer Theologie der 80er-Jahre noch keine Rolle spielt. Inzwischen hat die EKD sogar ein eigenes Gender-Zentrum eingerichtet, und ein Flyer des Referats Chancengleichheit der EKD wirbt mit der Überschrift „Gender Mainstream – Für die Zukunft der Kirche“.


Zurück zur Gender-Frage in der Wissenschaft: Bei der Unterscheidung zwischen kulturellem und natürlichem Geschlecht gebe es unterschiedliche Positionen dazu, wie eng Kultur und Natur zusammenspielen, erklärt Helmut Dopffel. Radikalere Standpunkte leugnen den Einfluss der Biologie zum Beispiel ganz. Der Kirchenrat findet: „Über diese Theorien kann und muss man streiten.“ Seine persönliche Position dabei: „Der kulturelle Anteil ist größer als wir ahnen.“

Kultur: Wenn Männer und Frauen tanzen. Foto: Juergen-Jotzo_pixelio.de

Die extremste Position vertritt die amerikanische Philosophin Judith Butler. Sie geht davon aus, dass Mann und Frau nur kulturelle Konstruktionen sind. Dopffel bezeichnet dies als eine „überzogene Position“ und „steile These“, die aber die Debatte richtig in Gang gesetzt habe, so dass sie politisch relevant wurde. Auf diese Weise wurde aus der theoretischen Debatte eine Handlungstheorie, die dann Eingang in politische Verträge gefunden hat. „Gender-Mainstreaming“ wurde von der UNO, der Europäischen Union, der Bundesrepublik und inzwischen auch von der Diakonie und der Landeskirche als Handlungsanweisung übernommen. Allerdings, betont Dopffel, nicht in der radikalen Form, sondern als Querschnittsaufgabe, um Chancengleichheit und Gleichberechtigung herzustellen.

Politik ist nicht geschlechtsneutral

„Politik funktioniert ja nicht geschlechtsneutral, sondern hat unterschiedliche Auswirkungen auf Frauen und Männer, und die muss man beachten“, erklärt Dopffel mit Verweis auf Chancengleichheit und Gleichberechtigung. Das sei seit 15 Jahren selbstverständlich. Doch plötzlich sei nun eine polemische Debatte entbrannt, beobachtet der Kirchenrat und stellt fest, dass dabei unterschiedliche Themen verknüpft werden: Bei den einen gehe es um Homosexualität, bei den anderen um Familie, bei den nächsten um Abschaffung von Diskriminierung.

Das Themenfeld innerhalb der Gender-Forschung ist also offenbar so groß geworden und die Positionen so unterschiedlich, dass Dopffel nun von einem Container-Begriff spricht, der ganz viel transportiere, wie ein Container-Schiff unterschiedliche Ladung verfrachten kann. Und weil die verschiedenen Themen auch noch mit unterschiedlichen Werten aufgeladen werden, empfindet auch Helmut Dopffel die Debatte inzwischen als „chaotisch“ und fragt sich, „ob der Gender-Begriff so verbrannt ist, dass er nicht mehr benutzbar ist“. Denn die Gefahr sei, dass man sich an einer Position abarbeite, die man für den gesamten Gender-Begriff hält.

Unsicherheit und Angst

Warum ist das Thema auf einmal so strittig geworden? Helmut Dopffel kann nur Vermutungen anstellen: Zum einen sei in Deutschland die Gleichstellung von Männern und Frauen soweit verwirklicht worden, dass dies vielleicht erst mal verkraftet und verarbeitet werden müsse. Wenn dann jetzt bei Minderheiten-Themen wie Homosexualität weitere Rechte eingefordert werden, dann könne das zu Verunsicherung und Ängsten führen, sagt Dopffel. Er ist aber überzeugt, dass es keineswegs das gesamte gesellschaftliche System in Frage stelle, wenn Minderheiten mehr Rechte verlangen. „Aber es erfordert eine Weite des Herzens und löst Angst aus“, glaubt Dopffel.

Die Aggressivität in der Auseinandersetzung erklärt sich der Kirchenrat zum Teil daher, dass es oft um Täter-Opfer-Themen gehe. Homosexuelle seien eben lange Zeit diskriminiert und verfolgt worden, wurden ins KZ gesteckt und auch in der BRD noch von denselben Richtern wie in der NS-Zeit verurteilt. Diese gesellschaftliche Opferrolle schlage sich auch in der Tonlage der jetzigen Diskussion nieder.

Was bleibt nun also von der Gender-Debatte? Dopffel rät, die Themen differenziert zu behandeln und keine Container-Debatte zu führen. Innerhalb der Dienste und Werke in der Landeskirche – Frauenarbeit, Männerwerk, Jugendwerk – stellt er zum Beispiel fest, dass es ganz unterschiedliche Zugänge gibt. Bei den jungen Leuten stelle er fest, dass sie zum Teil wieder betont männlich und weiblich auftreten, aber auf der anderen Seite auch maskuline Frauen und weibliche Männer dulden. Dopffel findet: „Junge Leute können mit den Rollen mehr spielen als früher.“ Und er fügt seine Hoffnung hinzu: „Das könnte die Debatte etwas entkrampfen.“

Grundsätzlich stellt er bei allen fest, dass das Thema sehr „aufgeladen“ ist und sich daher die Frage stellt: Wie vermitteln wir wieder Stabilität? Er findet auch, dass die Themen oft zu sehr vom Scheitern her diskutiert werden und fragt daher: Wo gibt es die Vorbilder für gelungene Partnerschaft? Wo funktionieren Familien?
Ein Hauptproblem: Eltern haben heute schlicht zu wenig Zeit, um Beruf und Familie in vollem Umfang zu verbinden, sagt er. Für Männer und Frauen sind neue Rollenbilder entstanden. Aber die alten Rollen sind zum Teil geblieben: Mutterschaft, Vaterschaft. Wie soll man Berufstätigkeit und Elternschaft verbinden? 100 Prozent Beruf und 100 Prozent Erziehung geht nicht. Modelle werden da theoretisch viele diskutiert, auch in der Gender-Forschung. „Aber inwiefern sie umgesetzt werden, das ist noch die Frage“, sagt Kirchenrat Helmut Dopffel. Am Ende zählt eben die Praxis.

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